Lukas 10, 38-42 Maria und Martha
„Man kann Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.“ (Martin Luther)

Liebe Gemeinde,
nicht alle Jahre wieder, aber alle sechs Jahre wieder. So alle sechse Jahre kommt ja der gleiche Predigttext. Wenn gleich jemand denkt: „Maria – und Martha“ – Kenn ich doch schon.“ Richtig, da war er vor sechs Jahren schon mal in der Kirche.

(1)    Eine Geschichte, was anderen daran wichtig ist
Die heute uns zu bedenken aufgegebene Geschichte von Maria und Martha, war vor sechs Jahren, vor zwölf Jahren, und vor achtzehn Jahren auch dran war. In der Regel sind Predigtmanuskripte von alten Predigten so interessant, wie die Zeitung von gestern, auch weil eine Predigt eine Rede ist und keine Schreibe. Beim Blättern in den alten Predigten fiel auf: das Verständnis dieser Geschichte, oder sagen wir besser: das, was sie bei denen auslöst, die sie hören, hat in den letzten Jahren eine Entwicklung erlebt. Man hört ja nie gleiche Geschichte mit den gleichen Ohren.
Das fällt auf: Das Verhalten dieser Maria, die einfach nur sitzt, ist schon lange kein Aufreger mehr wert. Auch, dass diese Geschichte eine Frauengeschichte in der eher von Männergeschichten dominerten Bibel ist. Alles klar. Maria und Martha ist von Frauen und mit Frauen als Hauptakteure. Folgende Beobachtungen, waren damit wichtig:
    Marta ist ohne Mann erwähnt. Lebt wahrscheinlich unverheiratet allein mit ihrer Schwester.
    Zwei selbständige Frauen.
    Marta lädt in „ihr“ Haus ein. Sie gehört zu den wenigen, von denen berichtet wird,
    dass ihnen ein Haus gehört.

Diese richtigen Beobachtungen wurden wichtig.

Damals vor 12 vor 18 Jahren hatte es noch was Anstößiges: einfach nur dasitzen, nix machen – und zuhören ... Das schöne Wort „Entschleunigung“ hat seitdem eine erstaunliche Karriere gemacht und wurde zu Trend. Wir haben inzwischen erkannt dass es etwas Wichtigeres gibt im Leben, als ständig was zu machen, aktiv zu sein und das Tempo zu erhöhen. Und was Jesus zu Marta sagt, war vor Jahren noch ein wenig anstößig: „Maria hat das gute Teil erwählt ...“ (Und Martha, was hat die?)  Lobt Jesus mit Maria nicht die Untätigkeit, das Nichthandeln?
Wir hören die Geschichte heute: Es stört nicht mehr so sehr, dass Marta mal allein schaffen muss, während die Schwester Maria sitzen bleibt und auf die Worte Jesu lauscht. Heute darf man das ohne schlechtes Gewissen: ruhig da sitzen, in sich hereinhorchen, mal innehalten. Der Wert von schöpferischen Pausen, den haben alle erkannt.
Und Martha? Ich finde, sie ist die blöde, weil sie Maria bei Jesus nicht gut aussehen lässt. Sie petzt ja geradezu: „Hör mal Jesus, hast schon gesehen? Ich rackere mich hier kaputt, und die, die da sitzt einfach rum. Stundenlang habe ich schon vorwurfsvoll mit dem Geschirr geklappert – sie merkt es nicht Mals. Sag DU doch mal was.“ Aber auch, weil Martha doch wirklich einmal für eine Stunde die Hände in den Schoß legen und die Arbeit Arbeit sein lassen könnte. – Aber woran liegt das, dass die Geschichte anders gelesen wird?
Gelernt haben wir zu genießen, es uns mal gut sein lassen. Das ist ja auch ein echter Gewinn. Es ist durchaus akzeptiert, wenn man sagt: „Ich möchte auch einmal an mich denken, mich pflegen und mich bedienen lassen und einmal mich selbst in den Mittelpunkt stellen.“ Man gönnt sich ja sonst nichts.“
Geschichte wird mit jeder Zeit anders gelesen, Menschen habe was gelernt, haben sich verändert. Warum soll sich Maria nicht mal für eine Weile hinsetzen und ausruhen? Warum regt sich die Schwester da gleich so auf? Und was ist am Wort Jesu überhaupt so bemerkenswert, wenn er sagt: „Maria hat das gute Teil erwählt ...“  Das wissen wir doch längst. „Die vita contemplativa ist einfach besser als die vita activa” liest man beispielsweise bei Thomas von Aquin (S.Th.2,2,qu.182, art.1.2.), den katholischen Geschwister heilig gesprochen haben. Das Verhältnis der Schwestern Martha und Maria wird bei ihm zum Modell für dieses Verhältnis zwischen der tätigen und der betrachtenden zuhörenden Lebensform. Die betrachtende, die zuhörende Form ist einfach besser.

Luther: Alle weltliche Tätigkeit kann so ausgeübt werden, dass sie der Berufung durch Gott zum guten Werk am Nächsten entspricht.
Unser Luther dachte da ein wenig anders: fünf Jahre nachdem er dort vorn die Thesen angeschlagen hat schreibt er zu dem, was wir Beruf nennen: „Alle weltliche Tätigkeit kann so ausgeübt werden, dass sie der Berufung durch Gott zum guten Werk am Nächsten entspricht.“ Der Mensch ist befreit vom bloßen Knechten, bloßen Ackern. Diese – in der Tat neue – These verknüpft Luther mit seiner Übersetzung der berühmten Aussage des Paulus, jeder solle „in dem Beruf” bleiben, „darinnen er berufen ist” (1.Kor 7,20).
Berühmt ist, wie er das am Beispiel der Hausmagd deutlich macht: „Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt, sintemal ich sein Wort und Befehl für mich habe.” (Predigt 1532). Der göttliche Ruf zur Liebe erreicht die Menschen in allen Ständen und Tätigkeiten“ ein Wort wider die Jobmentalität. Oder life work balance, als ob die Arbeit kein Leben ist. Gilt auch für die Maria, wo sie viel zu schaffen hat.

Liebe Gemeinde, es scheint so: Jesus hat nicht an das Ausruhen gedacht, auch nicht, dass jeder Mensch doch ruhig mal an sich selbst denken soll. Jesus sozusagen als der antike Vorreiter der Wellnessbewegung. Dazu jetzt Teil 2:

(2)     Hörst Du mir zu?
Meine Frau ärgert sich immer über mich, wenn sie mir was sagen will. – Wer heute ihr so begegnet ist und was gesagt hat, und was von mir will – mitteilen welches Kind gerade mal wieder Schnupfen oder Liebeskummer hat – dass ich ihr dabei weglaufe, dass ich nicht stehen bleibe und ihr zu höre. Sie verlangt ja gar nicht, dass man als Zeichen der ungeteilten Aufmerksamkeit ihr in die Augen schaue. Sie ist ja bescheiden geworden. Sie will sehen, dass das, was wichtig ist bei mir ankommt und ich nicht schon mit den Beinen und den Gedanken ganz woanders bin.
Bei der uns heute zu Bedenken aufgegeben Geschichte geht es um das Hören – und damit geht es um Jesus (und eigentlich weniger um Maria oder Marta). Es geht um das Hören auf Gott – um die Botschaft, die rettet – und damit geht es um das Leben, mein Leben, dass ich diese Botschaft auf gar keinen Fall verpasse, sei es durch hin und her laufen, sei es auf den Falschen hören.

EXKURS: Maria und Martha und der Barmherzige Samariter
Ein Blick noch neben den Predigttext, der uns heute zu bedenken aufgegeben ist. Genauer davor. Unmittelbar davor steht die berühmte Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“. Die ist nicht nur ein wenig länger, sie weist auch in eine komplett andere Richtung. Kurze Erinnerung: Jesus erzählt diese Geschichte, um deutlich zu machen, wer nun eigentlich mein Nächster ist, den ich zu lieben habe: In seiner Beispielgeschichte ist einer hilfsbedürftig, weil er nach einem Raubüberfall hilflos am Straßenrand liegt. Hier ist derjenige, der hingeht, zupackt, tut und macht, Wunden verbindet, sich um den Verletzten kümmert nur aktiv ist auf der richtigen Spur. Hier wird der Samariter als Vorbild richtigen Glauben hingestellt. “Geh hin und tue desgleichen.“ Hier hat der Tätige das gute Teil erwählt. Nachdem er diese Beispielgeschichte erzählt hat, so heißt es, zieht Jesus weiter. Er zog in das Dorf wo die Geschichte mit Maria und Martha passierte.
Ein offensichtlicher Widerspruch. Mal (beim barmherzigen Samariter) ist angezeigt, zuzupacken, hinlangen, das praktische und im anderen Fall (Maria und Marta) genau andersherum. Diejenige, die viel schafft, ist auf der falschen Spur. Sie liegt falsch. Und bekommt zu hören: „Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt.“
Eine komplett andere Wertung, mal liegt im Tun das Heil, mal im Hören. Hier so und da so. Was nun?

(3)    An die Marias und Marthas in uns:
Blöderweise steht da im Lukasevangelium nicht, was nun Jesus der Maria eigentlich sagte. Schade eigentlich. Es wird wahrscheinlich mehr gewesen sein als: „Hast schon gehört? Der Trump hat doch schon wieder und – und die Wirtschaftsbosse mit ihren überzogenen Einkünften mit ihren Nebeneinkünften ..., – schön, dass endlich Frühling wird, ich hab auch genug.“
Diese Worte werden es nicht gewesen sein.
Wie bei vielen anderen Worten ist entscheidend, wer es sagt. Zuerst also Du Martha, Du Aktivist, Du Maria, die Du eher zum Ruhigen neigst: das: Schau einmal hin, wer ist in deinem Leben wichtig? Auf wen hörst Du eigentlich? Auf wessen Worte, so dass Du wirklich alles andere stehen und liegen lässt? Oder loslegst? Welchen Platz nimmst Du gerne ein? „Bist Du ihm zu Füßen und hörst ihm zu?“ oder heißt es bei Dir: „Och nöh, Ich steh lieber“, „Ich muss weiter“, „Das geht jetzt nicht“, „für mich ist der Platz unten sitzend nichts“. Jesu Wort, ihm zu(ge)hören: das lässt den richtigen Platz finden für jeden und dann auch für das was zu tun ist, und dass bei Jesus ein guter Platz ist.“ 1
Dies ist unsere erste Aufgabe, Menschen zu dieser lebendigen Beziehung zu Jesus zu führen, ihnen einen Platz in der Nähe lieb zu machen. Das soll dann auch mal gesagt sein, dass der Platz, den Sie jetzt haben, auf der Bank Ihres Vertrauens, der Kirchenbank eben dem guten Platz schon sehr nahe kommt. Wo das Hören auf Gottes Wort im Vordergrund steht, wo ich mir was gesagt sein lassen kann. Wo ich singe, wo ich bete. Denn im Gottesdienst geschieht nach Luther nichts anderes, als „daß unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“. Für jeden nachzulesen auf der Glastür des Windfangs da vorn gleich beim Rausgehen.

Offensichtlich ist die Einladung zum Hören auf ihn heute dran.

AMEN

--
1 Nach GPM  4.Jh 2004 59.jahrgang Heft 1, Hans- Wilhelm Pietz

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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 29. August 2013 16:24