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How deep is your love? Hebräer 10,32-39 How deep is your love?

Liebe Gemeinde, diese Frage wird zu Weihnachten nicht selten mit der Größe der gemachten Geschenke beantwortet. Je größer und teurer die gemachten Geschenke, umso größer die Verbundenheit zwischen Schenkender und Beschenktem. Geschwisterkinder schauen da ganz genau drauf: Wer hat das Meiste, das größte, schönste Geschenk erhalten. Aber eigentlich wissen alle: beim Schenken geht es nicht um „klein“ oder „groß“. Beim Schenken geht es ums Herz und wie könnte ich beurteilen, ob ein Geschenk nicht von Herzen kommt. Ich spüre lediglich, ob ein Geschenk mein Herz erreicht. Nicht selten fallen Geschenke deswegen dann recht groß aus. Wir wollen sicher gehen, dass sie auch das Herz erreichen. Am Fest der Liebe darf es gern üppig zugehen, gern ein bisschen mehr sein, denn wer will schon an der Liebe knausern. Wer spart, weckt Argwohn.

How deep is your love? Die Bee Gees haben dieses Lied 1977 erstmalig aufgenommen und herausgebracht. Viele kennen es in der Coverversion von Take That aus den 90ern. Besungen wird eine innige Liebe, die zart und schön daherkommt, wie eine Sommerbrise. Darauf folgt die Aufforderung, zu zeigen, wie tief deine Liebe ist: „und es bin ich, dem du zeigen musst, wie tief deine Liebe ist“. Die Aufforderung wandelt sich zur Anfrage: How deep is your love? Reicht die Liebe nur für eine Sommerbrise oder bedeutet sie dir wirklich etwas?

Gott beantwortet diese Frage an Weihnachten mit einem Geschenk an uns. Er gibt sein wertvollstes – seinen Sohn. Sein Ein-und-Alles, sein Herz-aller-Liebst, sein Ganz-und-Gar. Gott entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, heißt es in einem alten Hymnus. Das bedeutet ihm die Liebe zu dieser Welt. Diese Liebe feiern wir an Weihnachten.

Gestern feierten wir die Geburt Jesu. Heute sind wir ein Tag weiter. Am 26. Dezember feiert die Kirche auch Stephanustag und gedenkt dem Erzmärtyrer Stephanus. Alle, deren Namen auf Stephanus zurückgehen, feiern heute Namenstag. Stephanus ist der erste christliche Märtyrer, von dem in der Bibel berichtet wird. Aufgrund seines Glaubenszeugnisses und seines Bekenntnisses zu Christus wurde er gesteinigt. Davon und von der Botschaft der Geburt unseres Heilands hören wir in diesem Gottesdienst.

Und wir erinnern an den Märtyrer Stephanus. Den genauen Todestag von Stephanus wissen wir nicht; vielmehr ist mit dem 26. Dezember – einen Tag nach Weihnachten – eine theologische Aussage verbunden. In einem alten Messbuch steht zu diesem Tag „Gestern ward Christus für die Erde Mensch, damit Stephanus heute für den Himmel geboren werde.“

Stephanus, so wird in der Apostelgeschichte erzählt, war ein redlicher und frommer Mann, voll des Heiligen Geistes. Er wurde von der Gemeinde ausgewählt, um einen ihrer wichtigsten Dienste nachzugehen. Er sollte Waisen und Witwen versorgen. Stephanus war sozial engagiert, er half Menschen, er versorgte Witwen, unterstützte Waisen und versuchte, wo immer er konnte, die Not in seinem Umfeld zu lindern. Dabei gab er auch fröhlich und unaufdringlich Zeugnis von seinem Glauben. Es heißt, dass Stephanus ein kluger und gelehrter Mann war. Er diskutierte mit Schriftgelehrten und Pharisäern über das richtige Verständnis der Schriften. Das konnte nicht jeder – dafür bedurfte es eines umfangreichen Torastudiums. In einer flammenden Rede erzählt er von Gottes Heilstaten am Volk Israel; wie Mose im brennenden Dornbusch Gottes Stimme gehört hat, wie Mose Israel aus Ägypten geführt hat, wie Gott das Volk durch die Wüste führte und versorgte. Als er allerdings Kritik am Tempelkult übte und diese Kritik mit einer Beschimpfung der Schriftgelehrten verband, beschuldigten sie ihn der Gotteslästerung. Sie nahmen ihn, gingen vor die Tore der Stadt und steinigten ihn.

So eine Geschichte im eigenen Namen zu tragen, fordert heraus sich damit auseinanderzusetzen. Was fasziniert Menschen an dem Phänomen Martyrium, dass sie in einem Namen daran erinnern? Was bedeutet es für mich, diesen Namen zu tragen? Noch Heute steht in Jersualem im oberen Kidrontal etwas versteckt das Stephanoskloster. Obwohl nahe an vielbesuchten Sehenswürdigkeiten, wie dem Garten Gethsemane und der Kirche der Nation, wird dieses Kloster eher selten aufgesucht. Um hinein zu gelangen, musste ich selbst während der Öffnungszeiten an der Pforte läuten. Ein alter Mönch öffnete die Tür. Wortlos führte er mich in eine dunkle Grotte, an deren Wänden der Weihrauch- und Kerzenruß von Jahrzehnten, wenn nicht sogar Jahrhunderten klebt. Hinter ein paar dunklen Ikonen sah ich einen kleinen Altar und auf dem Boden lagen große, runde Steine; so groß wie ein Rotkohl. Schon einen allein hochzuheben, bedarf es mächtiger Kräfte und einen starken Willen. Die Kugeln flößen mir Angst ein. Schon allein die Vorstellung, sie würden mir über die Füße rollen, lässt mich erschaudern – ganz zu schweigen sie würden mich mit voller Wucht treffen. Angesichts dieser Steine beschleicht mich die Frage: Stephanus, bei aller Bekenntnistreue, war das nötig? Wäre es nicht besser gewesen, nachgiebiger zu sein, anschlussfähiger zu Argumentieren oder vielleicht sogar der Diskussion auszuweichen? Oder wenigsten auf Beschimpfung zu verzichten? So hättest du noch viel mehr Menschen helfen können. Stephanus, warum hast du diesen Weg gewählt? Lange hänge ich diesen Fragen nach. Beim Hinausgehen spricht mich unerwartet der Mönch an, ob ich wüsste, was Stephanos bedeutete. Ja, sagte ich. „Der Bekränzte oder Bekrönte“. „Das auch“, meint der Mönch. „Eigentlich heißt es: Den Himmel offen sehen, auch wenn die Steine fliegen“. In der Apostelgeschichte heißt es, dass Stephanus in der Stunde seines Todes, gen Himmel blickte, den Himmel offen sah und Jesus stehen zu Rechten Gottes. Ich musste schlucken. Es beschlich mich der Gedanke, dass dies die Antwort war auf meine Frage, warum Stephanus diesen Weg gewählt hat. Liebe macht frei zur Hingabe.

Der Besuch im Stephanoskloster prägte sich tief in mein Gedächtnis ein.

Mit diesem Eindruck lese ich den Predigttext für den heutigen Stephanustag. Er steht im Hebräerbrief: 10, 32-39 Gedenkt der früheren Tage, an denen ihr, die ihr erleuchtet wurdet, erduldet habt einen großen Kampf des Leidens, indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid, und zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Habe besitzt. Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. Denn nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben. Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben. Wenn er aber zurückweicht, hat meine Seele kein Gefallen an ihm. Wir aber sind nicht solche, die zurückweichen und verdammt werden, sondern solche, die glauben und die Seele erretten.

How deep is your love? Das ist keine Frage nach der Größe von Geschenken. Gedenkt an die Leiden früherer Tage … und werft euer Vertrauen nicht weg; so sagt es der Hebräerbrief. Die Weihnachtsliebe Gottes reicht nicht nur für eine Sommerbrise. Diese Liebe gibt sich hin. Sie gedenkt an all die Leiden, mit denen sich Menschen herumplagen. Gottes Liebe reicht es nicht, nur bei sich zu bleiben. Sie wächst über sich hinaus, dem Menschen entgegen. Gott schenkt sich uns. In diesem Vertrauen lebte Stephanus und mit ihm viele andere, dass Gott da ist und unser Leben in ihm getragen ist. Sie lebten von dem Vertrauen in eine Liebe, die weit über die Sympathie und Zuneigung hinausgeht.

Liebe Schwestern und Brüder. Für uns spielt Martyrium in unserer demokratischen und mit Meinungs- und Religionsfreiheit geschützten Lebenswirklichkeit keine große Rolle und das ist auch gut so. Für unsere christlichen Geschwister im nahen und fernen Osten sieht das anders aus. Immer wieder hören wir von Anschlägen und Verfolgungen. Dennoch gehört auch bei uns zum Leben und zum Glauben die Dimension der Hingabe, ja der Hingabe, die auch weh tut. Die mir nicht angenehm ist, wo ich deutlich über meine Schatten springen muss. Wo ich deutlich von mir und meinem eigenen Wohlergehen absehen muss. Kinder leben von der Zuwendung und Hingabe der Menschen, die Verantwortung für sie übernehmen. Alte leben davon, dass Menschen sich ihnen Zuwenden und sie nicht nach ihren Gebrechen beurteilen. Kranke, in Not geratene, Hilfsbedürftige leben davon, dass sich Menschen für sie stark machen. Da ist eine Kapitänin eines Seerettungsschiffes, die sich festnehmen lässt, um für das Menschenrecht der Seerettung zu kämpfen. Da las ich vor wenigen Tagen vom norwegischen Bischof Gunnar Stalsett, der mit 84 zu 45 Tagen Haft verurteilt werden sollte, weil er über 19 Jahre eine abgewiesene, aber nicht abschiebbare Frau aus Eritrea beschäftigte. Er meinte dazu: „Ich erachte es als meine Pflicht als Bürger dieser Gesellschaft, für die Änderung von Gesetzen zu arbeiten, die zu nicht akzeptablen Konsequenzen für unsere Mitmenschen führen. Da fangen Menschen an, Umstände zu machen und für eine klimabewusste Politik zu demonstrieren. Da übernehmen Menschen Verantwortung für das Gemeinwohl, und geben viel von ihrer Lebenskraft und -energie.

How deep is your love? Das ist keine Frage nach der Größe von Geschenken. Am Stephanustag, einen Tag nach Weihnachten, ist das die Frage nach Liebe, die bereit ist, sich hinzugeben. Und die im Vertrauen darauf lebt, bei Gott nicht zu kurz zu kommen. Amen

Lied nach der Predigt: How deep is your love (Take That)

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2019:  06.01. • 19.04. • 10.11. • 26.12.

2018:  31.10. • 02.12. 

2017: 26.02. • 01.10. • 05.11.05.11. (Englisch) • 10.12.

2016: 01.01.25.03.27.03.08.05.17.07.24.07.26.12.

2015: 25.05.26.07.02.08.09.08.16.08.23.08.30.08.31.10.(1)31.10.(2)

2014: 16.02.18.04.08.06.15.06.29.06.31.10.(1)31.10.(2)30.11.

2013: 30.06. 08.09. 31.10. 03.11.