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Gebet

Heiliger Gott. Erschrocken blicken wir auf zum Kreuz. Du stirbst diesen Tod. Das haben wir nicht denken können, das hätte nie passieren dürfen. Aber du gehst den Weg, den Weg der Liebe, der auch Leiden einschließt. Wir bitten Dich: Schenke uns die Kraft zum Aushalten. Schenke uns die Gemeinschaft des Mitleids. Schenke uns die Liebe, die stärker ist als der Tod. Das bitten wir durch Christus unseren Herrn und Bruder. Amen

Liebe Gemeinde,

wir kommen nicht am Kreuz vorbei. Es steht mitten im Leben, mitten unter uns. Es steht inmitten der Zerstörung. Wir können versuchen, nicht hinzusehen. Wir können auch versuchen, ihm auszuweichen. Wir können versuchen, das Kreuz zu vergolden und soweit wegzustellen. Aber es ist da. Und heute, am Karfreitag, steht es mitten unter uns. Es verstellt uns die Sicht und den Weg auf ein schönes, sonniges Leben. Heute können wir ihm nicht ausweichen, heute müssen wir hinschauen.

Es gibt so viele Kreuze auf dieser Welt. das goldene Kreuz von Notre Dame inmitten von Schutt und Asche.

Das Kreuz am Straßenrand neben einem weißen Fahrrad in der Friedrichstraße. Ich fahre fast täglich daran vorbei. Auf dem Kreuz steht ihr Name „Diana“. Mitten in den schönen Reformationssommer hinein fiel dieser schreckliche Unfall. Ihr Kreuz steht da – mitten in unserem Leben.

Andere Kreuze stehen nicht so offensichtlich da, aber die Bilder schreien dennoch. Die Bilder von Zerstörung in Syrien, wo Menschen in Trümmern ihrer zerbombten Häuser hausen. Die Kriegsbilder aus dem Jemen, wo wie wild geschossen und zerstört wird und die Menschen wissen nicht einmal warum. Ihre Lebensgrundlage, Wasserzufuhr, Häuser und Felder einfach zerstört.

Oder diese Woche gerade in Tripolis. Viele unschuldige Menschen geraten plötzlich ins Kreuzfeuer des Krieges. Es gibt so viele Kreuze auf dieser Welt.

Der entsetzliche Unfall auf Madeira. Mitten in ihren schönen Urlaubsausflug stürzt dieser schreckliche Unfall eines Reisebusses 29 Menschen in den Tod.

Es gibt so viele Kreuze auf dieser Welt. Auch hier unter uns, in unseren Familien steht manchmal ganz plötzlich so ein Kreuz: Da wird jemand mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert. Und plötzlich steht alles in Frage.

Oder da müssen Menschen ganz unerwartet Abschied nehmen von einem Menschen, der ihnen sehr viel bedeutet hat und der doch gestern noch so quicklebendig war.

Oder wir müssen das Scheitern in einer Beziehung zugeben und verkraften und egal, wie wir die Scherben zusammenkehren, es wird nicht wieder. … Wir wären so gern um das Kreuz herumgekommen. Nun steht es da.

Karfreitag heißt, dass ich nicht mehr entrinnen kann, ich kann nicht mehr ausweichen: das Kreuz steht direkt vor mir, es ist da und tut weh. Es ist unfassbar, es ist schrecklich. Am liebsten würde ich ausweichen. Aber ich verstumme.

Der offene Blick auf das Kreuz offenbart einen Gott, der den Tod nicht umgeht. Die Härte und Grausamkeit spielt Gott nicht herunter. Gott lässt den Schmerz zu und weiß um die Sprachlosigkeit, die der Tod mit sich bringt. Alles, was wir nicht aushalten, hält er aus, nimmt es auf sich. Wohl deshalb treten Mensch in ihrem größten Leid vor dieses Kreuz: weil sie spüren, dass hier ihre eigene Erfahrung zu finden ist, dass ihr Schmerz ernst genommen wird; dass Gott selbst in seiner Ohnmacht zum Halt wird.

Und nun – jeder mit seinen eigenen Kreuzesbildern vor Augen – hören wir am Karfreitag den Bericht von der Kreuzigung Jesu. Sein Kreuz reiht sich ein in die vielen anderen. Und doch, auf dieses Kreuz fällt ein anderes, ein besonderes Licht. Der Evangelist Johannes zeichnet ein besonders Bild.

Zunächst fällt auf, dass Jesus selbst sein Kreuz trägt. In den anderen Karfreitagsberichten kommt ein Mann namens Simon und hilft Jesus sein Kreuz zu tragen. Johannes aber sagt ausdrücklich: „Und er trug selbst sein Kreuz“. Jesus trägt selbst. Das ist seine Mission, die er erfüllt. Er trägt das Kreuz, Er trägt die Schuld. Er trägt die Last dieser Welt. Menschen gehen in ihrer Not ans Kreuz, um dort zu beten und alle Last loszuwerden. Leidtragende können eben Leidende immer noch am Besten verstehen.

Jesus wurde auf Golgatha, der Schädelstätte mit zwei anderen gekreuzigt. Wir kennen heute sogenannte Justizvollzugsanstalten. Kein Ort, an dem man gern hingeht. Schädelstätte klingt auch nicht gerade einladend. Dann wird am Kreuz eine Art Plakat angebracht, ein Schild, auf dem der Grund der Verurteilung benannt ist. „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Diese Todesgrund klingt nach einem Provinzstreit. Auf dem Schild steht der Grund der Verurteilung in drei Sprachen: in hebräisch, bzw. aramäisch, der Volkssprache, in Latein, der Amtssprache; und in griechisch, der internationalen Handelssprache. Jeder in Jerusalem konnte das Schild lesen. Allen wurde es bekannt. Und Pilatus steht dazu: „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.“ Aus der Verhöhnung wird so die internationale Proklamation eines Königs.

Johannes schildert die Kreuzigung aber auch zutiefst menschlich. Da werden die letzten Dinge eines Menschen verramscht, um manches sogar gefeilscht und gespielt. Das Gewand Jesu ist wertvoll, weil es aus einem Stück gewebt ist und so werfen sie das Los darum. Wo bleibt die Pietät? Angesichts des Todes. Aber so ist das. In Psalm 22 wurde dieses Vorgehen schon erwähnt und auf den Messias hin gedeutet.

Menschlich sind auch die Trauernden bei Johannes. Die engsten Begleiterinnen, seine Mutter Maria und sein bester Freund stehen unmittelbar am Kreuz, ja werden von Jesus in seiner letzten Stunde sogar angesprochen. Er spricht seine Mutter und Johannes an und verweist beide aufeinander. Sie sollen sich umeinander kümmern. Sollen sein wie Mutter und Sohn.

Menschlich ist es auch, dass Jesus dürstet. Und menschlich ist es auch, dass ihm, auch dem Verurteilten geholfen wird – wenn auch nur mit Essig. Doch die stärkste Deutung des Todes Jesu gibt Johannes am Ende. Kein Verzweiflungsschrei kommt Jesus über die Lippen, sondern er verkündet: „Es ist vollbracht.“ Mit dem Tod am Kreuz ist seine Mission zum Ziel gekommen.

Was ist denn vollbracht?

Was hat er vollbracht?

Das Foto aus der Nacht von Notre Dame hat mich berührt. Inmitten dieser Trümmer, in der Dunkelheit der verlassenen Kirche leuchtet hinten das Kreuz. Es steht dort souverän da inmitten des Chaos der Zerstörung und des Chaos im Herzen.

Dieses Kreuz von Notre-Dame, dieser Jesus am Kreuz von Golgatha, sie rufen uns zu:

Ich bleibe da.

Das ist die Botschaft des Gekreuzigten, der souverän Leid trägt.

Das ist die Botschaft des Gekreuzigten, der ruhig aushält, was nicht auszuhalten ist.

Ich bleibe da.

Wenn niemand mehr bleibt. Ich bleibe da.

Wenn alles einstürzt. Ich bleibe. Wenn dein Leben in Trümmern liegt.

Ich bleibe da.

Wenn du nicht weißt, wie du den Tag und die Nacht schaffen und deine Schmerzen aushalten sollst.

Ich bleibe da.

Wenn der Tod in dein Leben einbricht und Du verzweifelst, wimmerst, weinst und jammerst.

Ich bleibe da.

Wenn du am Krankenbett Deines Kindes sitzt und keine Kraft mehr hast.

Wenn du den Verfall Deiner Mutter nicht mehr ertragen kannst.

Wenn Alkohol Dein Familienleben in Schutt und Asche gelegt hat.

Ich bleibe da.

Wenn du erniedrigt wirst und durch die Hölle gehst.

Ich bleibe da.

Wenn du zitterst vor Bomben und Gewalt, vor Gefangenschaft und Folter, ich bleibe da.

Wenn du von Hunger und Durst entkräftet im Wüstensand liegst und deine Hoffnung auf ein besseres Leben dahin sind. Ich bleibe da.

Ich bleibe bei Dir. Ich halte Dein Leben und Deine Leiden mit aus.

Ich ertrage, was für dich unerträglich ist. Ich beibe bei Dir.

Am Ende geht er in die absolute Dunkelheit.

Am Ende bleibt er, wo wir uns verlieren.

Am Ende gibt es keinen gottlosen Ort mehr.

Am Ende ist es vollbracht.

Amen.

Fürbitten:

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet und wir beten

für die Mächtigen, die Unschuldige dem Tod überantworten.

Wir beten für die, die an dem festhalten, was dem Tod dient.

Du stirbst am Kreuz, Jesus Christus, und wir leben.

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet und wir beten für die Lügner und alle, die die Wahrheit hassen.

Wir beten für die, die am Tod der Armen verdienen.

Wir beten für die, denen Recht und Barmherzigkeit gleichgültig sind.

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet und wir beten für die Mütter, für alle, die Angst um ihre Kinder und ihre Freunde haben.

Wir beten für alle, die Verfolgten und Verklagten beistehen.

Wir beten für alle, die gemeinsam dem Bösen widerstehen.

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet und wir beten für alle, die dursten, für die Kranken, für die, denen nichts zum Leben bleibt.

Wir beten für die Sterbenden.

Wir beten für die Trauernden.

Dein Kreuz, Jesus Christus, ist aufgerichtet und wir beten für Gottes Volk, für unsere jüdischen Geschwister zu Beginn des Passahfestes, für die Gemeinden im Heiligen Land.

Wir beten für alle Gemeinden, die in diesen Tagen in Furcht zusammenkommen.

Wir beten für unsere Gemeinde und alle, die zu uns gehören.

Du stirbst am Kreuz, Jesus Christus, und wir leben.

Amen.

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