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Predigt: das Fünf-Königsdrama – Matthäus 2,1-12

Es gibt nicht allzu viele Weisen,
sich als ein Weiser zu erweisen.
Hingegen gibt´s im Weltgedränge
vielfält´ger Einfalt eine Menge!

Diese Worte von Ringelnatz kamen mir sofort in den Sinn, als ich die Geschichte von den drei Königen las. Weise waren sie, diese drei. Denn sie haben sich aus ihrer Welt herausrufen lassen, um einer Frage nachzugehen: Wo ist der neugeborene König? Einfältig dumm wurde der andere, weil er blind wurde vor Angst vorm Machtverlust.

Weise erweisen sich eben gerade darin als weise, dass sie sich zu einer Frage bewegen lassen. Weise haben nicht gleich die Antwort parat, sondern machen sich auf die Suche nach der richtigen Antwort. Sie verlassen sich dabei nicht auf Gerüchte, sondern machen sich auf, und schauen selber nach. Dabei gehen sie Indizien nach – der Stern, den sie gesehen haben und der für sie die Ankündigung einer Königsgeburt darstellt. Und sie gehen mit ihrem Vorwissen durch die Welt und suchen zunächst Königshäuser auf, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie darin den neuen König finden wohl am höchsten ist.

Und so nimmt die Erzählung ihren Lauf. Eigentlich, so müsste man sagen, hat Matthäus hier ein Drama in fünf Akten verfasst. Das Drama des fünf-Königs-Treffens. Da sind zunächst die drei Könige aus dem Osten (Luther macht daraus das schöne Morgenland). Dann ist das der König Herodes – eine zwielichtige Figur, die zunächst als Freund und Berater auftritt, sich dann aber als Gegenspieler entpuppt. Und da ist schließlich die Hauptfigur, der neue König, das Jesuskind selbst als fünfter König.

Im Text selber kommt das Wort Kyrios, König 4x vor. 3x für den König Herodes und einmal für das Jesuskind. Die heiligen drei Könige, wie wir sind heute kennen, entstammen der Tradition und werden dort auch weiter hochgehalten. Vielleicht waren sie auch schon mal am Epiphaniastag im Kölner Dom, wo die Reliquien der heiligen drei Könige aufbewahrt werden. Am Epiphaniastag können Sie sich in die lange Schlange der Pilger aus aller Welt einreihen und am heiligen Schrein vorbeiziehen. Mehr schemenhaft als real sieht man dann drei Schädel mit jeweils einer Krone drauf. Eben die heiligen drei Könige.
Matthäus bezeichnet sie als Magoi, Magier, Luther übersetzt „Weise aus dem Morgenland“. Das werden ziemlich verschiedene Leute gewesen sein. In den meisten Krippenspielen werden sie denn auch als exotische Individualisten dargestellt. Matthäus meinte mit diesen Gestalten eigentlich so etwas wie Seher und Sterndeuter. Die drei „Weisen aus dem Morgenland“, das waren schlicht drei Astrologen ihrer Zeit.

Nun liegt uns Christen zumeist nicht soviel an der Astrologie, obwohl wir Wittenberger uns da nicht ängstlich haben sollten. Melanchton war ein leidenschaftlicher Astrologe. Er beobachtete die Sterne und erkannte darin für sich göttliche Signale. Ob Sterngucker immer richtig liegen, würde ich stark bezweifeln. Aber Sterngucker haben die Eigenschaft, buchstäblich „über sich selbst hinaus“ zu blicken. Und das ist eine Grundvoraussetzung, um weise zu werden. Herodes hat das nicht vermocht – mit verheerenden Folgen.

Aber ich wollte ihnen eigentlich von dem Drama in fünf Akten erzählen und das mache ich, indem ich ihnen die Verben aus der Lutherübersetzung gebrauche.

Im ersten Akt wird das Kind geboren. Die Weisen aus dem Osten kommen, weil sie einen Stern gesehen haben. Und nun wollten sie anbeten. Das hörte Herodes, der König in Juda und erschrak.

Im zweiten Akt verschärft sich die Situation: Denn Hohepriester und Schriftgelehrte kommen zusammen und forschen, was es mit diesem Kind auf sich habe. Und es steht geschrieben, das aus Bethlehm der König über Israel kommen soll. Herodes rief heimlich die Weisen zu sich und erkundete von ihnen, wann der Stern erschienen sei. Er schickte sie, zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein und wenn ihr‘s findet, so sagt’s mir, dass ich auch gehen könne, um anzubeten.

Dritte Akt – nun erreicht die Handlung ihre Klimax. Die Weisen zogen los. Der Stern ging vor ihnen her und blieb über einem Stall, der zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert worden war, stehen. Da war das Kindlein. Da wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf.

Vierter Akt – die Retardation. Auf dem Heimweg wurde ihnen im Traum befohlen, nicht zu Herodes zurückzukehren, statt dessen zogen sie einen anderen Weg heimwärts.
Auch Josef träumt und erhält einen Befehl von einem Engel: nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten, denn Herodes hat vor, nach dem Kind zu suchen und es umzubringen.
Fünfter Akt – die Lysis, in dem der Konflikt eine Lösung erfährt und die Handelnden geläutert werden. Die Weisen sind weise geworden und gehen neue Wege. Josef lernte auf die Stimme des Engels zu hören, nahm das Kind und seine Mutter und entwich nach Ägypten. Und Herodes wurde blind vor Wut, und verstieg sich bis zum grauenvollen Mord aller männlichen Neugeborenen in Bethelem. Aus Angst, dass seine Macht in Frage gestellt werden könnte, macht er fürchterliches, sogar etwas, was letztlich ihm selbst und seinem Land schadet.

Dieses Drama verlangt geradezu nach einer Inszenierung. Diese umstürzende Botschaft wurden in vielen Ephiphaniastheatern in Kirchen und auf der Straße inszeniert. Aus einem Edikt des preußischen Königs Friedrich dem II. „Gegen die Christlichen Ahlefanzerein“ vom 23.12.1739 geht hervor, dass Geistliche bei der Aufführung die Laute von Ochs und Esel nachahmten und die Gemeinden mit kräftigen Muh antwortete und gewaltig I-A schrie. Nun, das war nicht die Art von Evangeliumsverkündigung, die Matthäus vorschwebte. Und wie ist es heute?

In einer Berliner Hochhaussiedlung wartet auf die Sternsinger niemand. Keiner machte die Tür auf. Als die Sternsinger in einem Einkaufszentrum singen und Spenden sammeln wollten, erschraken die Geschäfte. Das könnte Konkurrenz bedeuten und die Kaufkraft der Kunden schmälern. Erst als die Kinder stehen blieben mit ihrem gebastelten Stern ihre Schätze auftaten, ihre Lieder sangen, waren Menschen hocherfreut.

Und Christus, Gott in der Flüchtlingsunterkunft, lässt sie alle kommen: die frommen Hirten und die frommen Heiden. Manche knien nieder, viele ziehen weiter, andere verschließen ihre Tür. Zum König in der Krippe können alle kommen und weise werden.

Es gibt nicht allzu viele Weisen,
sich als ein Weiser zu erweisen.
Doch klug ist es, in allen Stücken
nach Gottes Stern sich tief zu bücken!

Amen

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