
Predigt am 18.10.2026 in der Schlosskirche
über Markus 2,23-28
23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
und das Lied EG 408,1-6
1. Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit, sein ist auch die Ewigkeit.
2. Und sein eigen bin auch ich. Gottes Hände halten mich
gleich dem Sternlein in der Bahn; keins fällt je aus Gottes Plan.
3. Wo ich bin, hält Gott die Wacht, führt und schirmt mich Tag und Nacht;
über Bitten und Verstehn muss sein Wille mir geschehn.
4. Täglich gibt er mir das Brot, täglich hilft er in der Not,
täglich schenkt er seine Huld und vergibt mir meine Schuld.
5. Lieber Gott, du bist so groß, und ich lieg in deinem Schoß
wie im Mutterschoß ein Kind; Liebe deckt und birgt mich lind.
6. Leb ich, Gott, bist du bei mir, sterb ich, bleib ich auch bei dir,
und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott.
Predigt
I
Manchmal ist es gut, große Einsichten mit ganz einfachen Worten zu sagen. Meinem Gott gehört die Welt/ meinem Gott das Himmelszelt/ Ihm gehört der Raum, die Zeit/ sein ist auch die Ewigkeit.
Ein Kinderlied. Unverdächtig simpel. Kennen Sie es? Und das bunte Heftchen, aus dem manche von uns es in Kindertagen gesungen haben? Das Heft trägt sogar den Titel des Lieds, in geschwungener Handschrift: Seitdem wir aus unserem (manche sagen immer noch „neuen“, bald wird es ein wieder neues geben) Gesangbuch singen, also seit 1995, steht das Lied im Buch für die Erwachsenen. Es soll ja ein Buch für alle sein, für die Kleinen und die Großen. Bei der letzten Auswahl neuer Wochenlieder vor 10 Jahren erhielt es sozusagen den Ritterschlag. Heute gehört es neben „Wohl denen, die da wandeln“ zu den beiden Wochenliedern des heutigen Sonntags. Gedichtet ist der Text als Paarreim, wohl die schlichteste und einfachste Form zu dichten: – Welt und Zelt, Zeit und Ewigkeit usw.
Eine große Einsicht - aus einfachen Worten.
Damals, 1934, vor 90 Jahren, als der evangelische Pfarrer Arno Pötzsch diese Verse dichtet, da fällt es den Nazis gar nicht auf, was drin steckt an Sprengstoff. Denn die Worte sind brisant, hochpolitisch. Zwischen den Zeilen versteckt sich eine klare Zeitansage:
„Meinem Gott gehört die Welt“ – meinem Gott und eben nicht einem selbsternannten Führer, der sich gerade aufmacht, erst Deutschland und dann die ganze Welt zu erobern. Gott gehören Raum und Zeit - Gott allein, und nicht denen, die gerade ihr 1000jähriges Reich ausrufen.
Der Dichter ist bekannt für seine einfache Sprache. Geboren im Jahr 1900 in Leipzig wächst er in einfachen Verhältnissen auf. Mit 17 noch meldet er sich bei der Marine. Er kehrt traumatisiert zurück. Der Krieg stürzt ihn in eine tiefe Glaubens- und Lebenskrise. Er schreibt: „Jemand brachte mich nach Herrnhut. Dort bei den Schwestern und Brüdern fühlte ich mich geborgen.“ Ob es diese Erfahrung war, die ihn in der Rückschau die 5. Strophe schreiben ließ? Geborgen, wie ein Kind auf dem Schoß der Mutter?
In Herrnhut bekommt Arno Pötzsch wieder Mut zum Leben. Er macht eine Ausbildung – heute würde man sagen – zum Sozialarbeiter oder besser Sozialpädagogen. In Kleinwelka und Zittau betreut er Kinder und Jugendliche, die in Heimen leben. Er erfährt, dass aus einem Krieg nur Verlierer hervorgehen. Deshalb sagt er: „Wir müssen junge Menschen früh innerlich so stark machen, dass sie nicht wieder auf die reinfallen, die zur Spaltung im Volk und zur Gewalt aufrufen.“ Wie wahr! Darum fängt Pötzsch an, Lieder zu dichten, Kinderlieder. Mit einfachen Texten, zu denen auch die Erwachsenen einen Zugang finden. Denn die sollen den Kindern die Lieder ja vorsingen.
Pötzsch beginnt in Leipzig Theologie zu studieren. Das war ein harter Kampf, denn er hatte nur eine einfache Schulbildung genossen. Er musste noch die alten Sprachen Griechisch und Latein lernen und Hebräisch, das fiel ihm besonders schwer. Und in seiner Umgebung gab es schon damals kirchenkritische und gegenüber dem Glauben gleichgültige Menschen. Daher ist ein Zitat von ihm nur allzu verständlich: „Auch heute kann man als weltoffener Mensch Christ sein.“
Als er dann Pfarrer ist, schreibt er weiter, auch unser Wochenlied hat er wohl in dieser Zeit, wahrscheinlich im Jahr 1934, verfasst.
II
Manchmal ist es gut, große Einsichten mit ganz einfachen Worten zu sagen.
Wie an diesem schönen Erntetag, von dem wir vorhin im Evangelium hörten. Die Geschichte wirkt konstruiert. Woher kommen die Pharisäer, da man am Sabbat doch nur 800 Meter weit gehen darf? Warum werfen sie den Jüngern das Ausraufen der Ähren vor – das nach 5. Mose 23,25 erlaubt war, nur nicht am Sabbattag - und nicht die viel schlimmere Übertretung, das Wandern?
Sie bahnen sich einen Weg, steht im griechischen Text, das heißt ja eher, dass sie die Ähren niedertreten als sie zu sammeln. Außerdem fehlen alle konkreten Zeit- und Ortsangaben. Schaut man genauer in den Text, fallen noch mehr Ungereimtheiten auf: Im Unterschied zum Zitat von König David ist vom Hunger der Jünger gar nicht die Rede. Außerdem trägt der Priester, zu dem David kommt, den Namen Ahimelech und nicht Abjathar, und es scheint auch gar nicht wichtig zu sein, dass der Sabbat in dieser Vergleichsgeschichte vom König David keine Rolle spielt. In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Sechs Tage sollt du arbeiten und alle deine Werke tun. Dann sollst du daran denken, dass der Herr dich mit starker Hand aus Ägypten befreit hat.
Das ist der tiefere Sinn dieses Tages. Ein Schöpfungstag und Zeichen der Rettung in einer bedrohten Welt - wenn Gefahr droht. Der Evangelist Markus nimmt uns mit hinein in die Diskussion über den Sabbat. Im Talmud, einer jüdischen Auslegung der Tora, findet sich etwa 150 Jahre nach Jesus: Der Sabbat ist euch übergeben und nicht seid ihr dem Sabbat übergeben. Und in einer anderen Auslegung, der Mischna, findet sich die Anweisung: Alle Lebensgefahr verdrängt den Sabbat. Jesus, der Retter – das bedeutet sein Name – ist Herr auch über den Sabbat. Mit ihm bricht Gottes Reich an.
III
Arno Pötzsch schreibt wenig später auch dieses Lied: „Du kannst nicht tiefer fallen/ als nur in Gottes Hand/ die er zum Heil uns allen/ barmherzig ausgespannt.“ Er schreibt diese Zeilen unter Eindruck eines neuen Kriegs, eines noch schrecklicheren. Pötzsch wird Marinepfarrer in Cuxhaven und auf Helgoland. Er betreut die niederländischen Gefangenen und beerdigt gefallene Niederländer wie Deutsche. Ganz bitter ist das für ihn. Denn immer wieder gerät er in Konflikte mit den Militärs und sagt einmal: „Ich bin als Seelsorger für alle da.“ Er überlebt den Krieg und bleibt als Pfarrer in Cuxhaven. „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand.“ Tröstliche Worte sind das, die er angesichts des Kriegs schreibt. Menschen können fallen. Und sie fallen ja tatsächlich an der sog. Front als Opfer eines wahnsinnigen Kriegs. Menschen können fallen aus eigener Schuld, als Opfer der Umstände oder einer Mischung von allem. Am Ende ist aber einer da, der auffängt und wieder aufrichtet. Was er wenige Jahre vorher vor allem für die Kinder und Jugendlichen in seiner ersten Gemeinde gedichtet hat, bekommt jetzt eine neue, andere Sprache. Aber das Vertrauen ist wie davor da, eine große Einsicht mit ganz einfachen Worten: Über Bitten und Verstehn muss sein Wille mir geschehn. Das ist so ein Lieblingsgedanke bzw. Lieblingsvers von Arno Pötzsch. Nicht nur, weil sich Verstehn und geschehn so gut reimen.
„Dein Wille geschehe“ – einzelne Bitten des Vaterunsers werden hier schlicht und einfach durchbuchstabiert. „Unser tägliches Brot gib uns heute. Vergib uns unsere Schuld.“ Das Lied ist wie Glaubensfutter für die hungrige Seele im Ährenfeld. „Du bist mein und ich bin dein“ von Beginn der Schöpfung an gilt das. Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende und sein Bund mit den Menschen hat ewigen Bestand, denn „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Als Zeichen des Bundes lässt Gott einen Bogen in die Wolken setzen. So geht die Noah-Geschichte, die wir vorhin gehört haben, weiter. Eine Geschichte, so einfach, dass Kinder sie gleich verstehen.
IV
Manchmal ist es gut, große Einsichten mit ganz einfachen Worten zu sagen und auch zu singen. Gerade in Glaubensdingen gilt das. Sich in Gott zu verankern und in dem, was er dir für ein gutes Leben gibt an Ordnungen und Geboten, wie z.B. den Sonntag als den Tag der Ruhe und des Gesprächs mit ihm. Denn was du in deinen guten Zeiten lernst, darauf kannst du in den „bösen Tagen“ zurückgreifen. Wenn du im Krankenbett liegst, beginnst du nicht, das Vater unser zu lernen, und wenn deine Gedanken um deine todkranke Mutter kreisen, fängst du nicht erst an, ein Glaubenslied zu lernen. Jesus geht mit dir durch das Weizenfeld und spricht mit dir. Er ist auch dann noch da, wenn die Grundfesten deines Lebens zerbrechen. So einfach und so schwer ist das. Amen
