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Predigten

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Predigt zum Einführungsgottesdienst am 9. Juni 2024 in der Schlosskirche in Wittenberg

Predigttext Eph 2, (11-16) 17 bis 22

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen (Rö 1,7b)

 

Liebe Einführungsgottesdienst-Gemeinde, liebe Schwestern, liebe Brüder, 

wir hören auf den PT für diesen Sonntag aus dem Brief an die Epeser im 2. Kapitel. 

Der Schreiber des Epheser-Briefes stellt uns in unmissverständlicher Klarheit den Gründungsakt und die Stiftung der Kirche vor Augen. 

Er richtet sich an eine ermahnungsbedürftige Gemeinde. Die Abkühlung des frischen Glaubens nach der Erfahrung der pfingstlichen Geist-Flammen begann schon im ersten Jahrhundert. Knapp 2000 Jahre später hören wir den Text hier in der Wittenberger Schlosskirche, in der nachpfingstlichen Zeit. Im Zusammenhang mit der Einführung einer neuen Direktorin für das Predigerseminar in Wittenberg. Hier im Predigerseminar wird in der Gegenwart auf die Zukunft der Kirchlichen Arbeit vorbereitet, mit der reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek, hier wird die Schlosskirche offengehalten und das Christine Bourbeck-Haus bewirtschaftet. Das gehört zusammen an diesen starken Ort hier in Wittenberg und soll auch hier bleiben und: neu geordnet werden. Soweit zur Diensteinführung. Aber es geht im Predigttext um die ganze Kirche. Deshalb will ich unseren Blick auch wieder etwas weiten: 

Kirche: mir und Ihnen sicher auch fallen die vielen Krisen und Fragen ein, denen unsere Kirche ausgesetzt ist, verstärkt noch durch schwere Verfehlungen, die Sorgen bereiten müssen. Ich will sie nicht im Einzelnen benennen, sie stehen mit unterschiedlicher Dringlichkeit und Signalfarben vor unseren Augen. Ich bleibe beim Predigttext und will mit Ihnen auf ihn hören. 

Ein Text voller Aussagesätze. Keine Imperative. Sondern Zusagen und Beschreibungen.

Wir hören genau: In diesem Absatz, den wir jetzt etwas verkürzt gehört haben, spricht der Verfasser über die Kirchengründung und von den Zugehörigkeiten: ihr seid „nicht Gäste oder Fremdlinge, sondern Hausgenossen“- Juden und Christen eint der Zugang zum Vater. Der Theologe Hans-Joachim Iwand formulierte zu diesem Text, der damals zu Pfingsten gepredigt wurde: „Vergesst das mit nicht!“. Das sagte er 1946 (!) nur ein Jahr nach dem Ende der Shoah. Sagt den deutschen Predigthörern: „Vergesst das mit nicht!“. Und er führt den Gestaltungsplan Gottes für seine Kirche aus: das Haus steht, Christus ist der Eckstein, Apostel und Propheten das Fundament. Das Volk Israel ist schon da, Christen kommen dazu, sie wohnen mit in diesem Haus. Die Christen sind nicht der Erstbezug, sondern erhalten die Zuweisung einer Wohnung in einem Haus, das Platz genug hat. Das Volk Israel hat und behält seinen angestammten Platz. Die Christen sind keine Fremdlinge, sondern vollberechtigte Mit-Bewohner, Hausgenossen. Diese Hausordnung begründet sich im Stifter, im Erbauer und in dem, der das Haus erhält und der lässt seinen Geist walten. Mit-Bewohner, nicht Okkupanten, Wohnrecht bekommen- keine Hausbesetzung. Diese Wohngemeinschaft kennzeichnet furchtbare Geschichte und: sie besteht fort. Juden und Christen wissen sich einig im Glauben an den einen Gott. In unsere Hausgenossenschaft gehören wir mit unseren jüdischen Geschwistern. Das ist gesetzt.

In der kommenden Woche wird mit dem Schawuot-Fest die Gabe der Tora mit den 10 Geboten gefeiert. Das ist doch ein Fest in unserer Hausgemeinschaft. 

Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit mit unseren jüdischen Geschwistern machte auch einen Unterschied in der DDR und gehört zum Grundbestand des bürgerrechtlichen Aufbruchs vor 1989. Jugendliche und Studenten pflegten jüdische Friedhöfe, interessierten sich für das Judentum und für Israel und kritisierten damit zugleich auch die Anti-Israel-Politik der DDR-Regierung.

Wieder zurück zum Text: da steht: „ihr werdet auch erbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist“. Die Passivform ist stark: Ihr werdet erbaut- Ist für uns nichts zu tun? 

In meiner Geburtsstadt Görlitz erinnern wir in diesem Jahr an den 400. Todestag von Jacob Böhme, an den Mystiker und Schuhmachermeister. Jacob Böhme spricht von der „Gelaszenheit“, lassen von sich und seinen Glaubens- und Gottes-Vorstellungen, sich ganz nach unten in die Verzweiflung treiben lassen und dann- vielleicht Grund unter den Füßen finden in der Gottesbegegnung. Gelassenheit- heißt: den Geist wirken lassen. Das klingt passiv. Für Jacob Böhme jedoch ist es eine lebensbegründende geistliche Praxis. Das ist etwas, das wir als Kirche lernen können: weniger Aktion wagen! Mehr Enttäuschung wagen! Sich nach ganz unten treiben lassen, ohne Rettungsring, nur mit Hoffnung! Und es geht sehr tief nach unten- nach Aufarbeitung kirchlicher Verfehlung und Schuld, bei der Heimerziehung, beim Umgang mit Schutzbefohlenen und dem begonnenen Weg zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Da geht es ganz nach unten, wenn Geistliche ihre Position für Missbrauch ausnutzen und Betroffene nicht genügend Unterstützung und Halt in ihrer Kirche finden. Da sind wir ganz unten. Das kann und darf nicht schön geredet werden. Mit Jacob Böhme: Ganz nach unten treiben, sich aussetzen und schauen, was da erwächst! Was Gott wachsen lässt. Wie er sein Haus weiter baut. Darum geht es hier in Wittenberg in der Ausbildung. 

Kirche steht uns natürlich auch mit unseren wunderbaren Kirchen-Gebäuden und ihren eingeschriebenen und eingebeteten Geschichten vor Augen. Ich habe mich in der KPS lange um die Öffnung und um das Verstehen der Kirchen gekümmert, um Kirchenpädagogik entwickelt, um Kirchenräume als Glaubenszeugnisse unserer Vorfahren zum Sprechen zu bringen und nicht zu Folklore verkommen zu lassen. Sie sind Glaubenszeugnisse aus dem Leben, dem Alltag und schweren Nöten und Zeugnisse, wie die Schlosskirche, die die Nähe von Kirche und Macht demonstrieren. 

Dem Kirchengebäude hier, der Schlosskirche in Wittenberg ist historisch nicht nur das Preußentum quasi eingemauert, sondern auch die Geschichte der Gebete um Erneuerung im Herbst 1989, bei der die Schlosskirchen-Gemeinde, wir Vikarinnen und Vikare gemeinsam mit Friedrich Schorlemmer mit den Wittenbergern Worte, Mut und Orientierung gewannen. Es waren Stunden des Wachsens in der Gemeinschaft, mit Texten, Gebeten und Liedern – Zusammenkünfte mit offenem Ausgang und dennoch neben aller Sorge auch mit Entschiedenheit und Gelassenheit. Zu sehen, wie die Schlosskirche immer voller wurde, die Menschen sich trauten, hierher zu kommen, wie wir immer mehr wurden. Eine zentrale Frage: Das Micro öffnen? Mir stehen die Frauen und Männer sehr lebendig vor Augen, die hier in der Schlosskirche erstmals öffentlich Worte fanden für ihre Nöte: die Sorgen um die Kinder, um die Alten, um die Umwelt, um die Stadt. Diesem Prozess eingeschrieben war die tiefe Verwurzelung im Vertrauen und – ja auch – in Gelassenheit. 

Die vertikale Ausrichtung unserer Kirchen und die damit verbundene Gelassenheit hat 1989 hier in der Schlosskirche ihre sichtbare Kraft entfaltet. Hier verband sich Gelassenheit mit Orientierung. 

Aber kann man einwenden: Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Menschen im Osten Deutschlands vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Hier fehlt den meisten nichts, wenn Gott fehlt. Hier im Osten besonders und schon lange, seit mehreren Generationen. Glaubenserfahrungen gehören nicht zum Erfahrungsschatz der Mehrheit. Was soll hier Kirche? Wenn niemand fragt? Wenn die Einladung noch nicht mal aus dem Briefkasten geholt wird? Und seien wir ehrlich: Wenn die Einladung eigentlich auch gar nicht mehr recht ausgesprochen wird? 

Kirche ist für die meisten hier abgeschrieben. Aber das heißt doch eigentlich gar nichts. Wir sind doch lebendige Zeit-Zeuginnen und Zeugen dafür, dass aus abgeschriebenen underdogs Stars werden. Sehen wir uns das einfach am Beispiel der Metamorphose der Ost-Frauen an: November 1989- das Cover der Satire-Zeitschrift Titanic: Zonen-Gaby mit ihrer ersten Banane oder Cindy aus Marzahn – und jetzt sind Ost-Frauen das new cool der internationalen Bühne und schmücken die Cover der internationalen Qualitäts-Presse. Ost-Frauen, denen so wenig Schick anhaftet- wie der Kirche oft auch- sie setzen den Maßstab – Jenny Erpenbeck international geachtet und als erste deutsche Booker- Preisträgerin überhaupt für ihren Roman „Kairos“. Sandra Hüller auf dem roten Teppich mit einem Oskar und fulminanter Karriere und nicht zuletzt Angela Merkel als deutsche Bundeskanzlerin a. D. und so viele andere. Sie alle eint etwas unprätentiöses, ein understatement- wenn Sandra Hüller auf die Frage, was sie bewegte, als sie wegen ihrer Oscar Nominierung angerufen wurde: sagte: „Hätte ich fast verpasst, ich hab gerade den Müll rausgebracht“. Die Coolness dieser Frauen – entsteht durch Ehrlichkeit, harte Arbeit an sich selbst- Zitat Angela Merkel: „Ich habe mir keine Bitterkeit erlaubt“, Hüller zur Frage, wie sie es schaffe, sich auf so verschiedene Rollen vorzubereiten: „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen. Es ist nicht so schwer. Ich lerne einfach meine Texte.“ Understatement, Unerschütterlichkeit, etwas zu sagen haben, aber sich nicht in Szene setzen oder sich anbiedern, immer dem moralischen Kompass folgend. Angela Merkel hat man immer auch den Protestantismus abgenommen. Er gehört zu ihr. Neues Cool- ich habe hier etwas ausgeholt, diese drei Frauen sind keine Ausnahmen, im Grunde stehen sie für viele ostdeutsche Frauen und sie stehen für mich hier als Vergleich zu unserer Kirche. Die Kirche: Häufig verspottet wie Zonen-Gabi, manchmal sogar eine Lachnummer wie Cindy aus Marzahn und: unterschätzt. Sie- die Kirche- ist kernig, sie ist unprätentiös, sie achtet nicht so sehr auf ihre Frisur, sie ist nie niedlich, sie arbeitet hart an sich, sie braucht sich nicht anzubiedern. Sie hat ihre Stärke aus sich heraus, sie hat ein Fundament und einen Eckstein. Sie kann Entschiedenheit. 

Diese Kernigkeit ist der Kirche eingeschrieben und ist unsere Basis: Nachdem ich als Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen ernannt war, rief mich eine Superintendentin an, gratulierte mir – und im Blick auch auf die Last dieses Amtes - mit den Worten des Gesangbuchliedes 371, Vers 7: sie sagte: Liebe Schwester, seien Sie behütet unter den Worten: „Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen. Wollt ihn auch der Tod aufreiben, soll der Mut dennoch gut und fein stille bleiben.“- Ein tolles Wort. Immer wieder habe ich darauf zurückgegriffen. Kernig, unprätentiös/ stabil. Das hält.

Die Gründlichkeit, mit der die Menschen hier im Osten der Kirche entfremdet wurden, gehört zu den Spätfolgen beider Diktaturen im östlichen Teil Deutschlands. Beiden Diktaturen ging es darum, den ganzen Menschen zu beherrschen, der Bezug auf Gott begrenzt den Machtanspruch einer Diktatur. In den vielen Gesprächen, die ich mit politischen Häftlingen, mit Gefolterten und Verfolgten geführt habe, macht das einen Unterschied: hatten sie einen inneren Bezugspunkt. Hatten sie Worte, die trösteten und mit Leidensgenossen verbanden oder nicht? Bis heute wirkt bei vielen von ihnen der Glaube in der Verarbeitung der Erlebnisse- und: die ihn nicht kennengelernt haben, suchen ihn neu in Meditation, in Körperübungen, im Pilgern. Sie wissen: sie müssen über sich selbst hinauswachsen, um die schweren Erinnerungen weiter durchzustehen. Kirche kann hier Ankerpunkt sein: mit ihrer vertikalen Ausrichtung steht sie dafür, dass es mehr im Leben gibt, über den Horizont hinaus. Gott baut – in vielen verschiedenen Formen.

Als Kirche eingeschrieben ist uns also in diesem gestifteten Bau als Hausgenossen in einer Gemeinschaft mit den jüdischen Geschwistern zu leben und als Bausteine in diesem Bauprogramm von Gott zu erzählen. Das ist viel. 

Als Hausgenossinnen und Hausgenossen der von Gott gestifteten Kirche wird uns zugesagt: lebt diese Gelassenheit, seid einfach die Bausteine und bleibt sichtbar. Hier in Wittenberg im Predigerseminar und Schlosskirchenensemble und an den Orten, an die wir gestellt sind. Als Hausgenossen. Das darf uns in unserem Tun und im Sprechen abzuspüren sein. Das wirkt. 

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus dem Christus. Amen