
Gottesdienst am 9. Sonntag nach Trinitatis,
Schlosskirche Wittenberg am 02.08.2026
DAS ENDE EINER WELT
Predigt zu Jeremia 1,4–10
von Christoph Maier, Direktor Ev. Akademie Sachsen-Anhalt
Liebe Gemeinde,
der Bibeltext, der uns heute durch die Predigtreihe vorgegeben ist, steht am Beginn des Jeremiabuches. Er erzählt die Berufung eines Propheten der Superlative. Einer wie Mose – nur dass seine Sendung nicht in den Aufbruch, sondern in den Zusammenbruch führt. Jeremia begleitet den Untergang Jerusalems. Er begleitet mit seiner Prophetie den Verlust von allem, was dem Volk Halt und Identität gegeben hatte: Tempel, Königtum und Land.
Er lebt in einer Zeit dramatischer Umbrüche. Das assyrische Großreich zerfällt. Ägypten versucht, die entstandene Machtlücke zu füllen. Babylon steigt unter Nebukadnezar zur neuen Weltmacht auf. Und das kleine Juda liegt genau zwischen diesen Machtzentren – ein Spielball der großen Politik.
Die Menschen erleben bei ihrer politischen Führung Chaos und Orientierungslosigkeit. Mal setzt man auf Ägypten, mal versucht man Babylon zu beschwichtigen, mal träumt man von nationaler Eigenständigkeit – Chaostage: das Vertrauen im Volk ist verspielt.
Jeremia, der Prophet, aber sieht hinter diesem politischen Wechselbad das eigentliche Problem dieses Landes: Es ist die zerstörte Beziehung zu Gott.
Wie lebt ein Mensch, dessen ganze Welt auseinanderbricht?
Wie predigt einer, wenn Tag für Tag deutlicher wird, dass nichts mehr so bleiben wird, wie es einmal war?
Besser als ich es beschreiben kann, kommt es in Worten der großen Dichter zum Ausdruck:
Jeremia
(von Rainer Maria Rilke)
Einmal war ich weich wie früher Weizen
Doch, du Rasender, du hast vermocht,
mir das hingehalten Herz zu reizen,
dass es jetzt wie eines Löwen kocht.
Welchen Mund hast du mir zugemutet,
damals, da ich fast ein Knabe war
eine Wunde wurde er: nun blutet
aus ihm Unglücksjahr um Unglücksjahr
Täglich tönte ich von neuen Nöten,
die du, Unersättlicher, ersannst,
und sie konnten mir den Mund nicht töten;
sieh du zu, wie du ihn stillen kannst.
Wenn, die wir zerstoßen und zerstören,
erst verloren sind und fernverlaufen
und vergangen sind in der Gefahr:
denn dann will ich in den Trümmerhaufen
endlich meine Stimme wiederhören,
die von Anfang an ein Heulen war.
Ein seufzen, ein heulen, ein Weh und Ach, so klingt Jeremia, so könnte man die Prophetie beschreiben dessen Berufung uns heute beschäftigen soll.
Täglich tönte ich von neuen Nöten…Man meint fast, Rilke habe unsere Schlagzeilen gelesen.
Wehe, Wehe, Wälder brennen. Flüsse trocknen trotz Sturzflut.
Kriege in Europa toben in Nahost wars auch nur kurz gut.
Geld regiert die Welt der Reichen, Arme bleiben immer Arm.
Hunger hier dort Dekadenz keinen kümmerts jeder kennts.
Und wir?
Wir schauen zu wie Nationalisten immer mächtiger werden, die meinen die Lösung bestünde darin, dass jeder sich abschottet, und jeder für sich versucht der Beste zu sein, das Beste für sich rauszuholen, sein eigenes Süppchen und Reich zu kochen. America first, Sachsen-Anhalt first, ICH zuerst.
Wie wäre es, wenn wir mehr auf die Fähigkeit des Menschen zu Kooperation und Zusammenarbeit setzen, statt ständig die niedrigsten Instinkte unseres Reptilienhirns mit Bedrohung und Konkurrenz und Überlebensangst zu stimulieren? Wäre das nicht eine erwachsene Reaktion weiser und lebenskluger Menschen?
Politisches Chaos, kindische Reaktionen, eine Welt im Vergehen. Es scheint ein paar parallelen zu geben. Holen wir uns biblischen Rat:
Lektion 1
Die Lösungen liegen nicht in Technologieoffenheit, sondern in Beziehungsoffenheit
Warum beginnt das Jeremiabuch mit einer Berufungsgeschichte?
Zum einen, weil das in biblischen Büchern nun mal so ist. Ohne Berufung kein Prophet. Aber es gibt noch einen Grund, der außerhalb der literarischen Gattung liegt und etwas mit unserem Menschenwesen zu tun hat, das uns zum Menschen macht: unsere Fähigkeit zur Beziehung, zur Einfühlung, zur Kooperation und Solidarität.
Das Jeremiabuch beginnt mit einer Berufungsgeschichte, weil Gott auf Krisen nicht zuerst mit Programmen antwortet, nicht mit neuen Institutionen, nicht mit Strategien oder der Hoffnung in neue Technologien, sondern mit einem Menschen – mit Beziehung:
„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete.“
Wir leben in einer Zeit, in der jeder aufgefordert wird, sich selbst zu finden: Finde deinen Weg. Finde deinen Stil, finde dich selbst. Das ist alles nicht falsch. Aber es bleibt unvollständig, technokratisch ohne den Beziehungsaspekt.
Berufung funktioniert anders. Berufung fragt nicht zuerst: Wer möchte ich sein? Sondern: Wofür werde ich gebraucht? Nicht: Was macht mich glücklich? Sondern: Wo ist mein Platz im Ganzen?
Lektion 2
Berufung ist der fehlende Link zwischen Individualität und Gemeinschaft
Berufung verbindet das eigene Leben mit dem Großen und Ganzen. Sie schenkt Sinn, weil sie über das eigene Ich hinausweist.
Morgen beginnen in Wittenberg wieder die KonfiCamps. Seit 2017 sind mehr als 19.000 junge Menschen hierher gekommen, um über ihren Glauben, ihre Identität und ihren Platz in der Gesellschaft nachzudenken.
Möglich wird das nicht durch Hauptamtliche allein. Rund siebzig ehrenamtliche Teamerinnen und Teamer investieren einen erheblichen Teil ihres Sommers. Viele sind längst mit der Schule fertig, manche mitten im Studium oder schon im Beruf. Manche nehmen extra Urlaub, um dabei sein zu können. Sie schlafen in Zelten. Sie übernehmen Verantwortung vom frühen Morgen bis spät in die Nacht.
Warum? Haben sie nichts Besseres mit ihrem Sommer anzufangen? Doch.
Aber sie haben etwas gefunden, das kostbarer ist als Freizeit. Sie haben eine Berufung entdeckt. Etwas, das ihrem eigenen Leben Sinn gibt, gerade weil es anderen dient. Weil es sie an etwas größerem teilhaben lässt.
Wenn Berufung der fehlende Link zwischen Individualität und Gemeinschaft ist, dann könnte hier ein wichtiger Schatz für unsere hyperindividualisierte Gesellschaft verborgen liegen. Ich möchte deshalb mit Ihnen ein Blick in den hebräischen Text werfen:
Lektion 3
Berufung bringt Weisheit und Erkennen
Gott sagt zu Jeremia:
„Ich kannte dich.“
Und Jeremia antwortet im hebräischen Urtext mit demselben Wort:
„Ich erkenne nicht.“
Unsere Übersetzungen geben das unterschiedlich wieder: „Ich kann nicht reden.“ „Ich tauge nicht zum Predigen.“ Wörtlich sagt Jeremia aber: „Ich erkenne nicht – Ich erkenne nicht das Wort.“
Dasselbe Wort.
Gott sagt: Ich kenne dich! Jeremia sagt: Ich kenne mich nicht. Gott erkennt einen Propheten. Jeremia erkennt nur seine Grenzen. Gott sieht einen Menschen, der Verantwortung übernehmen wird. Jeremia sieht einen jungen Menschen, der sich diese Aufgabe niemals zutraut.
So ist das mit der Berufung. Sie beginnt nicht damit, dass ich endlich weiß, wer ich bin und was ich will. Sie steht nicht am Ende eines langen Selbstfindungsprozess. Berufung beginnt damit, dass Gott mich längst kennt.
Wir leben in einer Kultur permanenter Selbstinszenierung. Definiere dich. Präsentiere dich. Erfinde dich neu. Optimiere dich. Finde deine Berufung!
Die Bibel erzählt eine andere Geschichte.
Nicht ich muss mich zuerst erkennen. Ich darf entdecken, dass ich längst erkannt bin. Wer sich ständig selbst beweisen muss, bleibt abhängig vom Urteil anderer, von Likes, von Erfolg, von Aufmerksamkeit. Das eigene Ich bleibt unruhig und unstet.
Wer aber weiß: Gott kennt mich schon, bevor ich überhaupt etwas leisten konnte, bevor im Mutterleib gebildet wurde, dessen Identität bekommt einen anderen Grund. Sie wird ruhiger. Freier. Erwachsener. Stabiler in sich selbst.
Nicht, weil dieser Mensch alles weiß. Sondern weil er sich von dem erkannt weiß, der ihn geschaffen hat.
Im Leben geht es nicht darum möglichst viel erlebt zu haben, nicht darum möglichst erfolgreich zu sein, sondern sich immer tiefer mit den Augen Gottes sehen zu lernen. Das macht uns vom unweisen Knaben vom kindischen Menschen zum Weisen Menschen, zum Propheten, der die Welt mit Gottes Augen sehen kann.
Lektion 4
Die Welt aus der Perspektive der Verheißungen Gottes sehen
Liebe Gemeinde,
wenn die Zeiten rauer werden, wenn es unübersichtlich wird, wenn bewährtes nicht mehr trägt, wo die Welt in Unordnung gerät, wo politische Systeme hinweggefegt werden, braucht es Propheten, braucht es Menschen, die erkennen, die sich vom unmündigen Kind zum weisen Menschen berufen lassen. Denn Gott kennt nicht nur mein Leben. Er kennt auch meine Berufung. Und er kennt seine Welt – ja, ich glaube an einen Gott, der die Geschicke dieser Welt mit uns Menschen zum Guten bringen will.
Dazu braucht er Menschen, die erkennen. Weise Menschen. Lebenskluge Menschen. Menschen die bereit sind den Blick über das offensichtliche hinaus zu weiten. Menschen die bereit sind weit genug hinaus zu zoomen, um klar zu sehen und dann zu wissen was zu tun ist.
Am Ende seiner Berufung erhält Jeremia seinen Auftrag: Er soll ausreißen, einreißen, zerstören, abbrechen.
Und bauen! Und pflanzen!
Mich bewegt daran vor allem eines: Gott bindet sich niemals an Formen. Er bindet sich an seine Verheißung. Deshalb kann er seinem Volk zumuten, Vertrautes loszulassen. Nicht weil das Alte schlecht wäre. Sondern weil seine Wahrheit größer ist als jede Gestalt, die wir ihr einmal gegeben haben.
Jeremia erlebt das schmerzhaft. Mit dem Untergang Jerusalems zerbricht nicht nur ein Staat. Es zerbricht eine ganze religiöse Welt. Und doch geht Gottes Geschichte weiter. Nicht trotz dieses Umbruchs. Sondern durch diesen Umbruch hindurch.
Berufung ist so ziemlich das Gegenteil von Selbstfindung. Berufung wird zur Freiheit in brenzlichen Zeiten, wenn alles zerbricht, ausgerissen oder zerstört wird. Berufung wir zur Freiheit, sich von Gott immer wieder neu senden zu lassen:
Zum Bauen,
zum Pflanzen!
Denn das Ende einer Welt, ist nie das Ende der Geschichte Gottes.
Amen.
