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 140626kopf

Homilie zum Sonntag der Eucharistie

Epheser 2,17–22; Lukas 14,16–24

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor, Sie bekommen morgen eine Einladung von einem japanischen Mückenverein zu einem Vortrag über die Lebensweise von Mücken in japanischen Dörfern. Ich vermute, die meisten würden diese Einladung freundlich zur Kenntnis nehmen – vielleicht kurz schmunzeln – und sie dann zur Seite legen. Man würde wahrscheinlich nicht alles andere im Kalender verschieben, um dort unbedingt dabei zu sein. Ganz anders wäre es bei einer Einladung zum runden Geburtstag eines guten Freundes oder einer guten Freundin. Zum 60., 70. oder 80. Geburtstag. Mit gutem Essen, Gesprächen und Menschen, die uns wichtig sind. Da würden viele sagen: „Natürlich komme ich.“ Vielleicht würden wir sogar anderes verschieben. Nicht jede Einladung ist gleich wichtig. Und genau deshalb überrascht uns das Evangelium. Jesus erzählt von einem großen Festmahl. Alles ist vorbereitet. Der Tisch ist gedeckt. Die Einladung ist ausgesprochen. Der Gastgeber wartet. Doch dann geschieht das Unfassbare: Die Eingeladenen kommen nicht. Einer hat einen Acker gekauft. Ein anderer muss seine Ochsen prüfen. Ein dritter hat geheiratet. Sie alle haben etwas „Wichtigeres“. Und man fragt sich: Kann man eine Einladung zu einem Fest ausschlagen? Klar kann man, haben wir bestimmt doch alle mal gemacht. Denn Gott drängt sich nicht auf. Er lädt ein, er ruft, er wartet. Und manchmal fragen wir uns: Hören wir seine Stimme überhaupt noch?

Wie oft sind wir so beschäftigt mit unseren Sorgen und Ängsten, dass wir den leisen Ruf Gottes überhören? Wenn unsere Kinder nicht den Weg gehen, den wir uns für sie wünschen. Wenn das Leben anders verläuft, als wir es geplant haben. Wenn Leid, Enttäuschung oder Unsicherheit unser Herz erfüllen. Und wie oft geben wir anderen Dingen mehr Raum als der Stille? Wir füllen unsere Tage mit Aufgaben, Nachrichten und Ablenkungen – und vergessen, dass Stille nicht Leere ist, sondern ein Ort, an dem Gott zu uns sprechen kann. Gott schreit nicht. Seine Stimme ist oft leise. Aber sie ist da. Vielleicht liegt darin auch die Einladung dieses Evangeliums: Wieder aufmerksam zu werden. Nicht nur auf das, was laut und dringend ist, sondern auf den, der uns ruft.

Denn das Reich Gottes beginnt nicht mit Leistung, sondern mit Geschenk. Mit einer offenen Tür. Mit einem Platz, der auf uns wartet. Als die zuerst Eingeladenen fernbleiben, schließt der Gastgeber nicht die Tür. Er zieht die Einladung nicht zurück. Er öffnet sein Haus weiter. Menschen von den Straßen und Gassen werden hereingeholt – Menschen, mit denen niemand gerechnet hat. Hier zeigt sich Gott: Sein Herz ist weiter als unsere Vorstellungen. Er lädt nicht die Vollkommenen ein. Er lädt Menschen ein – mit Brüchen, Wunden und Fragen. Menschen wie uns. Hier berühren sich Evangelium und Epistel. Der HeiligerApostel Paulus schreibt: „Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Hausgenossen Gottes – nicht Besucher, nicht geduldete Gäste, sondern Menschen, die zuhause sind. Vielleicht berührt mich dieses Wort besonders, weil mir Fremdsein nicht unbekannt ist. Ich komme aus Siebenbürgen und gehöre zur ungarischen Minderheit in Rumänien. Wer in einer Minderheit lebt, kennt dieses Gefühl: Man gehört dazu und gehört doch nicht immer ganz dazu. Man lernt, wie kostbar Zugehörigkeit ist. Wie wichtig ein Ort ist, an dem man nicht zuerst erklären muss, wer man ist. Ein Ort, an dem man einfach willkommen ist. Und viele Menschen kennen solche Erfahrungen auf andere Weise: in Familien, in Beziehungen, in unserer Gesellschaft. Man lebt nebeneinander und versteht einander doch weniger. Gerade deshalb klingt das Wort des Paulus wie eine Verheißung: „Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge.“ Bei Gott müssen wir uns nicht erst beweisen. Wir müssen nicht erst vollkommen werden. Christus schenkt uns einen Platz. Wir sind nicht Zufall. Wir sind gewollt. Wir sind gerufen. Unsere tiefste Identität ist nicht zuerst die Frage: Wer bin ich? Sondern: Wessen bin ich? Die Antwort lautet: Ich gehöre Gott. Ich bin sein Kind. Natürlich ist das nicht biologisch gemeint. Es bedeutet nicht, dass wir Kinder Gottes sind wie durch Abstammung. Es bedeutet etwas viel Tieferes: Dass Gottes Atem in uns ist, dass unser Leben aus ihm kommt und dass wir in seinem Herzen getragen sind. Wir sind von ihm gewollt, ins Leben gerufen und in seiner Liebe geborgen. Wer das erkennt, sieht auch den anderen neu: nicht zuerst als Fremden, sondern als Menschen, der ebenfalls aus Gottes Liebe lebt und in seinem Herzen getragen ist. Und damit sind wir beim Abendmahl. Das Evangelium vom Festmahl ist kein Zufall: Jede Eucharistie ist ein Vorgeschmack auf dieses Fest. Christus lädt uns ein. Niemand verdient sich den Platz. Niemand nimmt ihn sich selbst. Hier geschieht Gemeinschaft. Hier werden Fremde zu Hausgenossen Gottes. Hier wird Kirche sichtbar, erfahrbar und spürbar.

Gerade hier, in Wittenberg, feiern wir in diesen Tagen ein großes Fest: die Erinnerung an Luthers Hochzeit. Die Stadt füllt sich mit Musik, Begegnungen und Menschen auf den Straßen.

Eine Hochzeit ist mehr als ein schönes Ereignis. Sie erzählt von Verbindung, von einem neuen Anfang, von einer Gemeinschaft, die entsteht. Auch Jesus gebraucht oft das Bild des Hochzeitsmahls, wenn er vom Reich Gottes spricht. Denn Gott will keine Welt von Einzelnen, die nebeneinander leben, sondern eine Gemeinschaft, in der Menschen füreinander da sind. Vielleicht ist das eine besondere Erinnerung für uns heute: Kirche ist kein geschlossener Kreis für diejenigen, die schon immer dazugehören. Sie ist ein Haus mit offenen Türen. Christus lädt ein – wie ein Gastgeber, der seinen Tisch bereitet. Aber Eucharistie ist mehr: Sie ist Danksagung. Wir kommen nicht nur mit Schuld und Sorgen, sondern auch mit Dank. Dank für das Leben, für die Schöpfung, für Menschen, die uns geschenkt sind, und vor allem Dank für die Erlösung in Christus. Alles ist Geschenk: Leben, Liebe, Glaube und Hoffnung. Darum bringen wir Brot und Wein zum Altar. Einfache Gaben – und doch tragen sie die ganze Schöpfung in sich. Im Brot: Erde, Sonne, Regen und menschliche Arbeit. Im Wein: Frucht, Zeit, Mühe und Geduld.

Sie stehen stellvertretend für unser Leben. Wenn wir sie bringen, bringen wir uns selbst und die Welt vor Gott. Der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin sprach davon, die Welt auf den Altar zu legen. Die ganze Schöpfung kehrt dankbar zu Gott zurück, und Gott schenkt sich neu der Welt. So wird Eucharistie zu einem heiligen Austausch: Dank steigt auf, Gnade kommt herab. Und jedes Mal geschieht etwas Wunderbares: Wir kommen als Einzelne und empfangen denselben Christus – den einen Herrn. Wenn ich am Altar stehe, die Gebete spreche und die Einsetzungsworte verkünde, staune ich jedes Mal neu über dieses Geheimnis. Wie groß ist unser Herr – und wie tief ist zugleich seine Liebe.

Der, den Himmel und Erde nicht fassen können, lässt sich auf dem Altar für uns schenken. Er macht sich für uns sichtbar und berührbar. Nicht, weil wir ihn festhalten könnten, sondern weil er selbst sich uns schenken will. Für mich. Für euch. Christus kommt nicht auf Abstand zu uns. Er bleibt nicht fern in seiner Herrlichkeit. Er kommt mitten hinein in unser Leben. „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ In diesen Worten liegt das ganze Geheimnis der Eucharistie: Der große Gott wird der nahe Gott. Der Herr des Lebens wird zum Brot des Lebens. Hier wird sichtbar, was Paulus meint: Hausgenossen Gottes. Kirche entsteht nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch Christus selbst. Und hier öffnet sich auch der Blick über den Augenblick hinaus. Eucharistie ist nicht nur Erinnerung an das, was Christus getan hat, und nicht nur Stärkung für unseren Weg heute. Sie ist auch Verheißung für unsere Zukunft. Denn Ewigkeit ist nicht einfach eine unendliche Zeit, wie wir sie uns oft vorstellen. Ewigkeit ist die unendliche und immerwährende Teilhabe am Leben Gottes. Das Bleiben in seiner Liebe, in seiner Gemeinschaft und in seinem Frieden. Der Eucharistie feiert, darf hoffen, aus dieser Lebens- und Liebesgemeinschaft mit Gott und den Mitchristen nicht herauszufallen. Darum nimmt jede Eucharistiefeier den ganzen Weg unseres Lebens in den Blick: Unsere Vergangenheit – alles, was uns geprägt hat, unsere Freude und unsere Wunden, unsere Geschichte, die Gott kennt. Unsere Gegenwart – Christus, der mit uns ist und uns verwandelt. Unsere Zukunft – die Hoffnung auf die ewige Gemeinschaft mit Gott, auf das Festmahl, an dem niemand mehr fremd sein wird. Denn Christus sagt: „Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ Darum: Wenn Sie zum Tisch des Herrn kommen, tun Sie es bewusst. Nicht aus Gewohnheit, sondern als Antwort auf seine Einladung. Christus selbst lädt Sie ein. Wenn Sie das Brot des Lebens empfangen, verweilen Sie einen Moment. Nicht einfach Brot und Wein – sondern Christus, der sich schenkt. Er kommt zu uns. Nicht wir steigen zu ihm. Er sagt: Für dich gegeben.Nehmen wir dieses Geschenk mit Staunen, Dankbarkeit und Ehrfurcht. Und wenn Sie heute nicht zum Abendmahl gehen, bleiben Sie dennoch Teil dieser Gemeinschaft. Niemand gehört zur Kirche, weil er perfekt glaubt. Wir gehören dazu, weil Christus uns gerufen hat. Die Kirche trägt uns, wenn unser Glaube schwach ist. Sie betet für uns, wenn uns die Worte fehlen. Sie erinnert uns: Du bist Kind Gottes. Du bist Hausgenosse Gottes. Und wir gehen unseren Weg nicht allein. Jedes Mal, wenn wir Eucharistie feiern, schauen wir über das Heute hinaus: auf das große Festmahl, an dem niemand mehr fremd sein wird und wo alle entschlafenen dabei sind. Dann wird sich erfüllen: „Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Bis dahin leben wir aus der Einladung. Aus dem Dank. Aus der Hoffnung. Und Christus sagt uns: Du gehörst zu mir. Und das genügt! Amen.