
Luther 2017:
1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. 4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5 Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.
Zürcher 2007:
1 Mach dich auf, werde licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN ist aufgestrahlt über dir. 2 Denn sieh, Finsternis bedeckt die Erde und Wolkendunkel die Völker, über dir aber wird der HERR aufstrahlen, und seine Herrlichkeit wird erscheinen über dir. 3 Und Nationen werden zu deinem Licht gehen und Könige zu deinem strahlenden Lichtglanz. 4 Blicke auf, ringsum, und sieh: Alle haben sie sich versammelt, sind zu dir gekommen. Von ferne kommen deine Söhne, und deine Töchter werden auf der Hüfte getragen. 5 Dann wirst du es sehen und strahlen, und dein Herz wird beben und sich öffnen, denn die Schätze des Meeres wenden sich dir zu, die Reichtümer der Nationen kommen zu dir. 6 Eine Menge von Kamelen wird dich bedecken, die Kamelhengste von Midian und Efa, aus Saba kommen sie alle, und sie tragen Gold und Weihrauch und verkünden die Ruhmestaten des HERRN.
1. Balthasar und die Myrrhe
Myrrhe, denkt sich Balthasar, der eigentlich anders heißt, hier aber so heißen soll, Myrrhe ist ja gar nicht vorgesehen. Als sie sich aufmachten, schlägt er noch kurz nach: Gold und Weihrauch, die werden erwähnt, aber Myrrhe? Wieso hatte er sich von den beiden anderen – sie heißen eigentlich anders, sollen hier aber Kaspar und Melchior heißen – nur Myrrhe aufschwatzen lassen? Immerhin ging auch er so nicht mit leeren Händen los. Ein langer Weg zu jenem Königskind sollte es werden. Und ohne etwas mitzubringen, kommst du da besser nicht an.
2. Balthasar liest auf dem Weg ins Land der Hoffnung
Balthasar liest einen Abschnitt, einen poetischen Abschnitt, wie er findet, einen Hymnus im Buch des Propheten Jesaja; und im letzten Satz entdeckt er sich: „Eine Menge von Kamelen wird dich, Jerusalem, bedecken, die Kamelhengste von Midian und Efa, aus Saba kommen sie alle, und sie tragen Gold und Weihrauch und verkünden die Ruhmestaten des Herrn.“ (V. 6)
„Aus Saba kommen sie alle“ liest Balthasar und denkt: allgemeiner aus dem „Morgenland“ kommen wir. Und „alle“ sind wir nicht, denkt Balthasar, nicht viele und genau drei gleich gar nicht, aber auf die bloße Zahl kommt es auch hier nicht an.
Überhaupt: So schön die Worte gewählt sind, ganz wörtlich darf man sie nicht nehmen, dann wird es nämlich kurios, denkt sich Balthasar: Die Kamele kommen dann aus Midian und Efa und aus Saba und bringen Gold und Weihrauch und sie, eben die Kamele, verkünden die Ruhmestaten des Herrn. So steht es da, wenn man es genau nimmt. Die Kamele möchte ich sehen und hören! Kamele, die vom lieben Gott erzählen! Oder sollen wir solche Kamele sein? Kaspar und Melchior tragen ja Gold und Weihrauch, die beiden Kamele! Balthasar macht sich so seine Gedanken.
Die diesen alten und schönen Hymnus gelesen haben, das sind Menschen der Hoffnung, denkt sich Balthasar, nun wieder ernst. Und wir sind auf dem Weg zu ihnen, den Menschen der Hoffnung, ins Land der Hoffnung, mit dem Buch der Hoffnung. Und mit Myrrhe in der Tasche, die deine Sehnsucht würzt, dass sie zur Hoffnung wird.
Und worüber sich Balthasar wundert: Diese Menschen der Hoffnung, mit denen er von Kamelen und Gold und Weihrauch liest, die leben in Jerusalem, nehmen aber gerade auch andere Menschen, andere Völker in den Blick. Und sie tun das mit der aufrechten und versöhnlichen Haltung und mit der Grandezza derer, die das gute Ende bei sich wissen. Dann freut man sich auf die anderen, sieht in ihnen keine feindlichen Feinde, sondern Gottes Gäste. Ein weites Herz hast du Hoffnungsmensch dann, sinniert Balthasar und denkt an einen weiteren Satz, den er eben gelesen hat: „Du wirst es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden“ (V. 5) – wer mit Hoffnung lebt und dem entgegensieht, was Gott gibt, hat ein weites Herz. Ein enges Herz hat, wer die anderen, diejenigen, die aus dem Dunkel kommen, befürchtet und beargwöhnt und bedrängt, wer die Menschen aus Midian und Efa und Saba und dem ganzen Morgenland nicht bei sich haben will – ach, ein enges Herz, ein hoffnungsloser Fall! Die Fremden bringen doch ihre Schätze mit, singt Jesaja: Gold und Weihrauch und ein friedliches Gemüt, sie kommen ohne Hass, aber mit Hoffnung. Und das Erstaunlichste: Sie kommen mit dem Lob Gottes, sie „verkünden die Ruhmestaten Gottes“, nota bene: sie, die dazukommen. Wir sehen das alles doch auch, wenn wir nur mit weitem Herzen auf die sehen, die dazukommen – mit Gold und Weihrauch und kostbarer noch: mit Salam und Worte über Gott.
3. Das Volk der Hoffnung
Wie sehr das Gottesvolk für sich hofft, wie sehr es in seiner Hoffnung bestärkt wird, liest Balthasar und wir mit ihm vor dem Satz mit den Kamelen und mit dem Gold und Weihrauch und vor dem Satz mit dem weiten Herzen:
„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden.“ (V. 1-4)
Balthasar liest das und müht sich mit der schönen Sprache des Gottesvolkes, mit dem Hebräischen. Er liest: „Mache dich auf, werde licht!“ (mit kleingeschriebenem „licht“!) Im Hebräischen stehen da nur zwei Worte: Kumi, ori! Kurz und knapp wird gesagt, was schnell und entschieden getan werden soll. Aufstehen und dabei ins Licht treten. In Zeiten der tiefstehenden Wintersonne ist das ein Bild, das durch unsere Erfahrung bunt wird. Wir stehen auf und blinzeln in die Sonne. Sie streichelt unser Gesicht. Wir lächeln, strecken uns, richten uns auf, sehen ins Helle und fühlen, wie unser Herz so weit wird wie das Land der Hoffnung. Dieses Aufstehen, dieser kleine Schritt ins Licht verändert alles: was wir sehen, was wir fühlen, was wir denken, was wir tun.
„Mache dich auf, werde licht! … über dir geht auf der Herr.“ Wer zu Gott gehört, weiß es: Dass Gott aufgeht, wie die Sonne es kaum kann, und uns licht macht und heiter und stark. Und dass wir dafür aufstehen müssen, nur aufstehen und allerdings aufstehen. Nicht unwahrscheinlich, dass Gott uns vor allem dafür den aufrechten Gang gegeben hat – damit sein Licht uns ins Gesicht scheinen kann.
Den knappen Worten Kumi, ori! folgen einige hymnische Worte, eindrückliche Bilder, dessen liebstes mir die Töchter sind, die auf der Hüfte getragen werden. Ich habe selbst meine Töchter jahrelang und bis zum Bandscheibenvorfall auf der Hüfte getragen – es ist mit das Herrlichste überhaupt und wohl nur noch übertroffen davon, dem Gottesvolk die Kinder zu bringen, Jerusalem die Liebe und die Zukunft.
Könige, die zum Glanz ziehen – statt sich vom Dunklen anziehen zu lassen, wie es die Manier von Potentaten zu sein pflegt –, ein glänzender Gott, Herzen, die sich weiten („wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein“) – in solchen Glanzworten scheint Gott auf. In Jesus, dem Glanzwort Gottes, geht Gott der Welt auf. Und Menschen stehen auf und werden licht („wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein“).
4. Der Gott der Hoffnung
Gott lässt sich sehen, indem wir von ihm hören. Und weihnachtliche Worte legen uns nahe, Gott zu glauben als ein Gott in glänzender Herrlichkeit (kabod). Gottes Glanz erschreckt die Hirten der Weihnachtsnacht. Und die himmlischen Heerscharen rufen diese Herrlichkeit in die Dunkelheit über Bethlehems Felder und über Wittenbergs Elbwiesen und nennen sie „Ehre“: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Mit diesen Glanzwörtern wird es so hell, dass die Hirten losgehen können, als sei es helllichter Tag. Und in diesem Licht und als Echo dieser Worte tritt der „Frieden auf Erden“ hinzu (schalom). Das können wir doch unmöglich überhören!
Um nicht in eine überkandidelte Epiphanias-Euphorie zu verfallen, dürfen wir das Dunkel nicht verschweigen. Über Dunkelheit müssen wir reden in der Nacht, in der Nacht, in der junges Leben verbrennt, in der Nacht, in der Soldaten das Recht brechen, über Dunkelheit müssen wir reden in dunklen Zeiten. Auch der hochgestimmte Jesaja erwähnt das Dunkel ja: Dunkel ist es über den anderen Völkern, denen Gott sich nicht zeigt. So dunkel wie am Uranfang über der „Tiefe“, bevor der Schöpfer alles ordnet zum Guten. Als das Nichtgute, als das Ungeordnete, als das, in dem Gott seine Hand nicht hat, als Gefahr über unserem Leben droht das Dunkel immer. Umso bemerkenswerter: In der Geschichte von Jesu Anbetung durch Balthasar und seine beiden Freunde wird die Nacht nicht erwähnt, wohl aber der helle Stern: Die Dunkelheit denkt sich der Glaube als durchdrungene Dunkelheit, in der Orientierung doch möglich ist. (In der lukanischen Weihnachtsgeschichte wird die Nacht zwar erwähnt Lk 2,8, aber nur, um grundstürzend und erschreckend zerrissen zu werden.)
5. Balthasars Myrrhe und ich
Myrrhe, denke ich, immerhin Myrrhe hatte Balthasar mitgebracht. Myrrhe, denke ich, und schaue auf meine leeren Hände und spüre meine leichte und leere Tasche. Ich stehe wie Balthasar auch am Anfang eines langen Weges – durch das Jahr, hin zum Land der Hoffnung, zur Stadt des Friedens, hin zu dem, der von sich dann sagt, er sei das Licht der Welt (Joh 8,12; vgl. 1,5.9) – und wenn ich Glück habe,
• wenn ich mich auf meine Mitreisenden in Karawane und Kirche verlassen kann (und sie sich auf mich),
• wenn ich die Orientierung behalte, den Stern nicht aus dem Blick verliere,
• wenn ich mich auch einmal von Gelehrten belehren lasse und mit der alten Gottesschrift den Weg von der Metropole in die kleine Stadt mit großem Klang gehe,
• wenn ich mich nicht von Mächtigen benutzen lasse, sondern ihnen ein Schnippchen schlage,
• wenn mir das alles gelingt, dann stehe ich am Ende des langen Weges vor jenem Königskind, gebe ihm, was ich mitgebracht habe, die Myrrhe meinetwegen, die meiner in Liebe verwandelten Hoffnung Geruch und Geschmack verleiht, und gehe auf neuem Weg nach Hause – wie Balthasar und seine beiden Freunde. Und ich gehe als neuer Mensch, als jemand, der das Gotteskind gesehen hat, vor ihm niedergefallen ist, es angebetet hat, der wie Balthasar schenkt, was er an Kostbarem mitgebracht hat.
Gold, Weihrauch und Myrrhe, denkt Balthasar und denke ich. Gold, Weihrauch und Myrrhe, diese drei. Und die Myrrhe ist die größte unter ihnen.
