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Predigten

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Predigt am Sonntag Kantate 2026

Schlosskirche Wittenberg

OKR Lars Schulz, Schlosskirchenkantor Philipp Spielmann

[Die Predigt wurde im Abendmahlsgottesdienst am 3. Mai 2026 in Anlehnung an das nachstehende Manuskript gehalten, es gilt das gesprochene Wort]

Eingang

Gnade sei mit euch und Frieden von dem, der da ist, der da war und der da kommt.

Erste Erfahrungen mit Musik

Erinnern Sie sich noch daran, wie Ihr Weg mit der Musik begann?

Bei mir war das so: Musik war dabei am Frühstückstisch, aus einem alten Radio. Meistens im Hintergrund: die besten Hits zwischen den Nachrichten aus aller Welt.

Und dann kamen die Fragen: Warum singt da jemand „Hau auf die Leberwurst“? Oder „Alle lieben Mirko“? Wissen Sie’s? [Dialog mit Gemeinde]

„Hau auf die Leberwurst“ entpuppte sich später als Hope of Deliverance, „alle lieben Mirko“ als I believe in miracles. Nebenbei große Glaubensthemen: Hoffnung auf Befreiung und der Glaube an Wunder.

Wie war das bei Ihnen? Wurde zu Hause musiziert? Haben Sie als Kind in der Schule oder in der Kirche die Musik entdeckt? [Dialog mit Gemeinde]

Persönliche Erfahrungen und Hemmungen

Für manche ist das ja der Einstieg in eine Karriere. Philipp, wie war das bei dir? [Interviewsituation mit dem Schlosskirchenkantor]

Meine Karriere war in der Schule dann erstmal vorbei. Für irgendein Fest wurde ein Chor eingeprobt, und in der letzten Stunde sagte die Musiklehrerin: „Sehr schön, ihr macht das alles richtig gut. Nur Tilmann und Lars – das bin ich – beim Auftritt bewegt ihr bitte nur den Mund, ja?“

Ich habe mich danach jahrelang nicht getraut, laut zu singen. Kennen Sie solche Momente? [Dialog mit Gemeinde]

Und wenn ich davon erzählt habe, dass ich einfach nicht singen kann, habe ich immer wieder gehört: Jeder Mensch kann singen. Ich beginne, langsam zu verstehen, was das bedeutet. Jeder Mensch singt anders schön. Und wer dieses Grundvertrauen hat, klingt freier und glücklicher. Darum lohnt es sich, Töne zu suchen, wenn man sie verloren hat. Und: vor den Gelegenheiten nicht zu fliehen, wo gesungen wird. Wenn ich immer wieder singe, wird es leichter für mich – zum Beispiel unter der Dusche. Wenn ich mit anderen singe noch mehr – zum Beispiel am Lagerfeuer oder eben im Gottesdienst, hier in der Kirche.

Drei Zugänge zur Musik

Jeder Mensch singt anders – und hört auch anders. Die Wissenschaft unterscheidet deswegen drei Musik-Typen. Achten Sie mal drauf, wo Sie sich wieder erkennen.

Der erste Typ achtet auf den Text. Wenn Sie sich als Kind – oder noch heute – über seltsame Texte wundern, dann ist das Ihr Zugang: vertonte Poesie, Worte im melodiösen Gewand. Ich merke, dass das am ehesten mein Typ ist. Texte merke ich mir schnell, mit Melodien ist es schon schwieriger.

Die Melodien stehen beim zweiten Typ im Vordergrund. Der Genuss kommt aus der Harmonie. Drei Töne reichen Ihnen, bleiben als Ohrwurm im Kopf und Sie spielen damit, führen sie weiter und hören die Musik, auch wenn es still ist? Aber wenn es unharmonisch wird – empfinden Sie das vielleicht sogar körperlich? Dann sind Sie wahrscheinlich hier zu Hause.

Und der dritte Typ hört vor allem auf den Rhythmus und den Takt. Wenn Sie sich bei einem eingängigen Beat kaum auf dem Stuhl halten können und die Ersten auf der Tanzfläche sind (während ich zum Beispiel erstmal sitzen bleibe), dann ist daswahrscheinlich Ihr Zugang zur Musik.

Welcher Zugang ist Ihre erste Tür zur Musik?

[Dialog mit Gemeinde/Abstimmung, Umsehen]

Kantate – Singt!

„Kantate!“ – singt! Das ist das Thema im heutigen Gottesdienst. Und der Gesang in Text, Melodie und Rhythmus, als Musik und als Tanz zieht sich wie ein musikalisches Thema durch die ganze Bibel.

Das Buch der Psalmen ist das älteste Liederbuch, aus dem noch regelmäßig gesungen wird – singet dem Herrn ein neues Lied – auch von uns heute.

Oder wir hören von dem „Flashmob“ am ersten Palmsonntag, wie gerade in der Evangeliums-Lesung vom Einzug Jesu in Jerusalem: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Ein Lied der Freude über Gottes Nähe, das sich nicht unterdrücken lässt.

Auch das werden wir später im Abendmahl gemeinsam singen und hören: „Hosianna in der Höhe!“ So wie Jesus in Jerusalem einzog: Gott ist immer wieder nahe.

Die Botschaft hinter dem Gesang

„Gelobt sei der da kommt“ – gelobt, das klingt in Luthers alten Worten wie von weit her. Im Hebräischen heißt es „baruch“ – da liegt Segen darauf: Glück und Freiheit.

Gott, der Inbegriff von Macht und Größe, kommt, um sich mit uns klein zu machen und am Kreuz zu sterben – und dabei alle tödliche Macht zu überwinden.

Wo die Macht selbst stirbt, hat kein Mensch mehr Anspruch auf Macht über den anderen. Oder anders gesagt: Gemeinsam erfahren wir die Nähe Gottes, in Glück und Freiheit – was wir auf Augenhöhe an Nähe in Glück und Freiheit erfahren, ist herrlich. Wo die Menschenmacht übereinander eingeebnet wird, erfahren wir das „Fürchte dich nicht“. Wo die Ziele auf das gemeinsame Große gehen, wo unsere einzelnen kleinen Stimmen wie im Gesang zu einem großen Ganzen zusammen fließen, ist Gott in Nähe und Glück und Freiheit. Da tröstet, da feiert, da freut – und im besten Fall erleben wir das auch dabei.

Gemeinschaft in Christus

Vor dem Abschnitt, den wir in der ersten Lesung gehört haben, heißt es:

In Gottes Herrlichkeit „ist nicht mehr Grieche noch Jude, Beschnittene noch Unbeschnittene, Nichtgrieche, Skythen, Sklave, Freie, sondern alles und in allen Christus.“

Deswegen: Lasst diesen einen Sinn in euch zu. Singt von Gleichheit und Freiheit. Erzählt euch davon in den Liedern, die ihr singt: Hope of Deliverance – und I believe in miracles.

Was für ein Wunder.

Gottes Gegenwart

Komplett wird das in der Erfahrung, dass Gott selbst sich einstellt, Raum greift und ganz da ist. Davon berichtet der heutige Predigttext.

Zur Situation: Seit dem Auszug aus Ägypten war Gott mit seinem Volk Israel – in einer Wolken- und Feuersäule, dann auf dem Gottesberg, wo Mose die Zehn Gebote empfängt.

Diese werden mitgeführt in der Bundeslade, in einem Zelt, das Luther „Stiftshütte“ nennt.

Als Israel im Land angekommen ist und Jerusalem Hauptstadt wird, beschließt König Salomo: Es braucht einen festen Ort. Der Tempel wird gebaut – und dann wird der erste Gottesdienst gefeiert.

Natürlich: mit Musik.

2. Chronik 5, 2-5.12-14

2Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion. 3Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist. 4Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten. […] 12und alle Leviten, die Sänger waren, […], angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. 13Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke als das Haus des Herrn, 14sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Das Wunder des gemeinsamen Gesangs

Mitten in diesem Fest, unter Musik und Gesang, passiert etwas Wunderbares:

Musik und Gesang werden zu einem gemeinsamen Klang. Text, Melodie und Rhythmus fließen zusammen. Alle tragen in ihrer Unterschiedlichkeit zu diesem einen Konzert bei.

Und dann: Gottes Herrlichkeit erfüllt den Raum wie eine Wolke. Die ganze Atmosphäre wird göttlich.

Hier zeigt sich im Großen: Wo alle beitragen und in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenkommen, da ist Gott.

Übertragung auf den Moment im Gottesdienst

Das lässt sich nicht planen. Das passiert.

Wenn wir einstimmen – im Kleinen, mit dem, was wir haben:

mit Worten aus Herz und Mund,

mit dem Lebensatem, der unsere Stimmbänder schwingen lässt,

mit Musik, in der wir gemeinsam getragen sind,

in Glück und Freiheit –

dann kommt der, in dem wir alle eins sind.

Einladung zum Mitmachen

Jetzt aber genug vom Gesang gesprochen. Probieren wir es aus.

Philipp, du hast etwas für uns, mit uns, vorbereitet.

- Gemeinsame Aktion zu „Ich singe Dir mit Herz und Mund“ unter Anleitung des Kantors -

Schluss

[in Aufnahme der Stimmung, im Dialog mit Gemeinde]

Glaube, Liebe, Hoffnung – diese drei sind’s, auch im Gesang. Der Glaube darein, dass sich Gott als Sinn und Glück und Freiheit einstellt in unserem Gesang, wenn uns das auf Augenhöhe – in Liebe – vereint, was wir gemeinsam haben: die Einigkeit auf Augenhöhe in Christus auf die Hoffnung hin, dass Gott sich einstellt, erlebbar und nah wird. Das wünsche ich uns allen. Jetzt gerade und immer wieder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft halten unsern Glauben wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe.