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Predigten

 311026kopf

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen

Predigttext Mt. 10, 26-33

26Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

32Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Liebe Reformationstags-Festgemeinde, 

I Martin Luther, der Unterschiedsspieler

Draußen an die Tür hat Martin Luther angeschlagen, was er zu sagen hatte. In aller Öffentlichkeit- der Universität und der Kirche. Er stellte die Praxis zur Diskussion, dass man sein Seelenheil kaufen könne. 

In der Fußballsprache wäre Martin Luther der ‘Unterschiedsspieler’. Einer, der das Spiel durch Geistesblitze drehen kann. 

Inmitten vieler kluger Köpfe zuerst im Augustinerkloster in Erfurt, dann hier an der Wittenberger Universität hatte sich Martin einem besonders harten Training unterzogen, um es Gott recht zu machen: Er hatte gefastet, sich kasteit und die Furcht ausgelotet. Und plötzlich versteht er: ich fürchte mich vor dem Falschen. 

Das muss man erst einmal können, sich einen Irrtum einzugestehen, auf dem alle Lebensentscheidungen fußen, das Studium abgebrochen, ins Kloster gegangen, die Familie enttäuscht. 

Zurück zur Furcht: 

Furcht hatten die Menschen in der Lebens-Zeit Luthers und haben wir heute. Furcht, nicht den Standards zu entsprechen: nicht die perfekte Körperform, nicht das perfekte Profil, nicht beliebt und nicht geliebt. In der ewigen Hölle von miesen Internet- Kommentaren zu schmoren. Bis heute ist es so: wir können uns das Seelenheil nicht kaufen. Nicht durch likes und nicht durch Perfektion. 

Furcht macht uns klein, sie verstellt den Blick, sie macht unfrei. 

Martin Luther brachte den Freiheitsgedanken auf den Marktplatz, ließ auf Deutsch drucken, was hier zunächst auf Latein angeschlagen war. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile- in ganz Europa: ein Christ ist ein freier von Gott geliebter Mensch, der Verantwortung übernimmt. Luther machte den Unterschied. 

II Liebe zur Wahrheit 

Alle Glaubensdinge müssen sich aus der Bibel begründen lassen, das war eine grundlegende Einsicht Luthers. Und dass es darum geht, verständlich und wahrhaftig zu sein. Diesen Weg beschritt Professor Dr. Martin Luther mit der Veröffentlichung seiner Thesen.

Den 95 Thesen gegen den Ablasshandel vorgestellt hatte Luther diese Worte: „Aus Liebe zur Wahrheit und im Bestreben, sie ans Licht zu bringen, wird in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, … [des Magisters der sieben freien Künste und der heiligen Theologie sowie derselben ordentlicher Lehrer daselbst], das folgende diskutiert werden.“

Diskutieren aus Liebe zur Wahrheit gegen die alternativen Fakten. Alles, was behauptet wird, muss sich befragen und nachweisen lassen, muss diskutiert und angezweifelt werden können. Daraus folgt, dass sich die Kirche in ihrer Lehre irren kann. Das ist bis heute wichtig. Die Erkenntnisse speisten sich bei Luther aus dem Studium der Bibel. Dadurch wurde er aus der Todesangst befreit. Luther spürt die Gnade und Freiheit durch Gottes Liebe und verstand: Gott ist doch kein Kassenwart, bei dem man seinen Beitrag bezahlt und dann gute Plätze im Himmel bekommt. Gott sieht dich und mich, und kennt uns so gut, dass er sogar weiß, wie viele Haare wir auf dem Kopf haben. – Wie soll man es denn noch sagen, dass es um den liebenden und gnädigen Gott geht. 

Und deshalb muss er sich äußern. Er schreibt seine 95 Thesen und hängt sie an die Wittenberger Kirchentüren. Der Hammer passt gut ins Bild – er ist ein energischer Macher, der an die Kirchentüren donnert.

Er fühlte sich befreit und gab sich prompt einen neuen Namen: Martinus Eleutheros, - der Befreite, jetzt ist er der Luther. Freiheit von falscher Furcht und Freiheit für viel Neues. So verbindet sich das Freiheitsgefühl von Anfang an mit dem Reformationstag. 

Und das ist verbunden mit der Thesentür und unserer Kirche, die täglich Menschen aus aller Welt besuchen. Von hier soll weiterhin ein Freiheitsgedanke ausgehen. 

III Fürchtet euch - aber richtig. 

Martin Luther hat in der Erklärung zum ersten Gebot gesagt: “wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.” 

“Und wenn die Welt voll Teufel wär’ und wollt uns gar verschlingen” - das haben wir gerade gesungen… Wir wissen nicht, warum es das Böse, Tyrannen, Tod und Teufel überhaupt gibt. Es ist zum Verzweifeln. Aber Gott hält - wie auch immer - auch sie in seiner Hand. Also: Fürchtet euch nicht vor Menschen. Sondern: fürchtet Gott, liebt ihn und vertraut ihm- das gehört untrennbar zusammen. 

Um Luther sammeln sich Gefährten, mit denen er um Antworten ringt. Unsere Schlosskirche ist ein begehbares reformationsgeschichtliches Dokument: die wichtigen Wegbegleiter Luthers, der hier rechts vor dem Altar steht, sind dargestellt und teilweise hier begraben- Philipp Melanchthon, der ihn mäßigte, Johannes Bugenhagen, der ihn traute und ihn hier beerdigte, Friedrich der Weise, der ihn schützte, deutsche und europäische Reformatoren. Eine Erinnerung an den Aufbruch der Kirche in der Welt mit dem Wissen, dass die Reformation nicht vollendet ist und eine Gemeinschaftsarbeit bleibt. Sie sind unsere Vorbilder im Glauben. Keine Übermenschen. Vorbilder, an denen wir Orientierung gewinnen; die gewachsen sind und an denen wir wachsen können. 

Bekannt aus Worms ist Luthers Antwort auf das Drängen zum Widerruf seiner Thesen: "Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun." Gott helfe mir. Amen”. 

Das ist Gottesfurcht: Sie macht den Unterschied und schenkt in Bedrängnis Freiheit. 

IV Freiheit und Zivilcourage 

Angst und Schrecken ist das Geschäft des Chaos und der Tyrannei. 

Der Reformationstag 1989 ist in Wittenberg ein Datum der Freiheit. 

Vor 37 Jahren, am Dienstag, dem 31. Oktober 1989, war die Wittenberger Schlosskirche zum vierten Gebet um Erneuerung überfüllt. Es hatte sich herumgesprochen: Es war Zeit geworden, nach dem Gebet um Erneuerung die Kirchen zu verlassen, auf die Straßen zu gehen und gemeinsam für dieses Land einzutreten. Der Reformationstag wurde zum Aufbruch in eine neue Zeit.

Viele überwanden an diesem Abend ihre Angst. Sie hörten einander zu, suchten das Gespräch und wagten es, am offenen Mikrofon ihre Gedanken und Gebete auszusprechen. Ich gehörte damals zum Vorbereitungskreis dieser Gebete im Predigerseminar und wir gestalteten sie gemeinsam mit anderen Vikaren und Pfarrern.

Wir beteten, sangen und hörten auf die Bibel. Martin Luther stand uns dabei vor Augen: Er hatte mit Worten und Argumenten gegen eine Lehre gekämpft, die Menschen unfrei machte. Auch 1989 erwiesen sich Worte als stärker als die Angst. Die Bibel befreite, die Gemeinschaft trug, Kerzen brachten Licht in die Dunkelheit und Hoffnung in die bleierne Angst der späten DDR.

Nach dem Gebet zogen wir erstmals auf die Straßen. Die Glocken der Schloss- und Stadtkirche läuteten laut. Aus dem geplanten Thesenanschlag am Rathaus wurde eine offene Disputation auf dem Marktplatz. Die Demonstranten – oder besser: die Protestanten stellten brennende Kerzen auf die Rathaustreppe. Die Gebete um Erneuerung wurden zum geistlichen Fundament des öffentlichen Protestes.

Die Diktatur und der Untertanengeist verloren ihre Macht, weil wir unsere Furcht verloren.

Am Reformationstag 1989 begann in Wittenberg die Freiheit, indem wir zusammenstanden, unsere Angst überwanden und gemeinsam unsere Stimme erhoben. 

Der Reformationstag ist unser Datum der Freiheit. Denn auch heute haben wir Furcht zu verlieren und Freiheit zu gewinnen.

Diesen Mut braucht es - auch heute. Und erinnern wir uns: Fürchte dich nicht vor Menschen. Fürchte Dich vor dem Richtigen. Freiheit will gelebt werden.

V Wer glaubt, handelt 

Im Durchgang zur alten Universität und später zum Predigerseminar steht ein Satz Martin Luthers: „Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“ Niemand.

Jeder ist gerufen. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die Wahrheit von Lüge unterscheiden, den Mund aufmachen und Verantwortung übernehmen. Die Freiheit, die Luther entdeckte, veränderte die Welt. Sie braucht immer Menschen, die sie leben. Auch heute.

Denn es geht um Argumente und um die Art, wie wir streiten. Wahrheit ist nicht beliebig. Die Bildung des Gewissens ist wichtig. Abfälliges Reden spaltet, Lügen bleiben Lügen. Es braucht Maßstäbe, die für alle gelten, und Menschen, die mit ihrem Gewissen und in innerer Freiheit für sie einstehen. 

Wo heute die Menschenwürde angegriffen wird, darf die Kirche und dürfen Christen nicht schweigen. 

Die Alternative zur Menschenwürde ist Gewalt.

Die Alternative zur Meinungsfreiheit ist Gleichschaltung.

Die Alternative zur Pressefreiheit ist Zensur.

Die Alternative zum Rechtsstaat ist Willkür.

Die Alternative zur Demokratie ist Unfreiheit.

Wir im Osten Deutschlands wissen, was Unfreiheit bedeutet. Wir haben sie bis 1989 erlebt und sind ihr entgegengetreten. 

Christlicher Glaube ist Gottesbeziehung und Weltverantwortung. Deshalb geht es uns als Christen und Kirche an, dass Menschen in unserem Land in Armut leben, dass jüdische Menschen bedroht werden, Menschen wegen ihrer Herkunft oder sexuellen Identität Angst haben müssen, wenn gehetzt, gelogen und unsere Gesellschaft gespalten wird. Reformatorische Tradition meint: die Themen auf den Tisch legen. In Freiheit und Verantwortung diskutieren, zuhören, und das Unsere für ein Zusammenleben in Würde tun.

Auch, wenn Martin Luther das vielleicht nicht gesagt hat, bringt es der Gedanke auf den Punkt: „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ 

Ein Bäumchen das Wurzeln schlägt und in den Himmel wächst, blüht und Früchte trägt. Es macht unsere Welt lebenswert und schenkt auch unseren Nachfahren Früchte.

Bange machen gilt nicht. 

„Niemand lasse den Glauben daran fahren, dass Gott an ihm eine große Tat tun will.“ Heute und morgen. Hier. Denn: jeder ist jemand. 

Amen

Und in diesem Sinne spreche ich uns den Kanzelsegen zu, den ich bei Friedrich Schorlemmer leihe: 

Liebe Christenmenschen,

Denkt, was ihr wollt, aber denkt. 

Glaubt, was ihr für glaubwürdig und wahr haltet, aber bleibt kritisch. 

Seid frei! Aber wisst wozu!

Habt teil an der Wahrheit. Aber denkt nie, dass ihr sie habt.

Sucht und findet tägliche Gewissheit, die aber über den Tag hinaus reicht.

Und so lebt „in Christus“, dass er euch im Innersten ergreift und zum Äußersten befähigt. 

Kein Aber-Amen.