
Predigt Genesis 2: 4b-9, 15 / Matthew 6:25-34
Gnade und Friede sei mit euch von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.
Vor zwei Jahren nahm ich in Genf an einem Seminar des Ökumenischen Rates der Kirchen zu den Themen indigene Spiritualität, Landrechte und Klimagerechtigkeit teil. Indigene Menschen aus 14 Ländern und 6 Kontinenten hielten Vorträge, trugen Gedichte vor und erzählten Geschichten über ihre Stämme, ihre Bräuche und ihren christlichen Glauben.
Die wenigen gemeinsamen Tage waren sehr eindrucksvoll. Alle Referent*innen teilten ihre Weisheit darüber, wie wir für die Schöpfung Sorge tragen können. Eine der Referentinnen war Dr. Patricia StandTal Clarke, eine Pastorin und Ärztin der Cherokee aus „Turtle Island“ – der indigenen Bezeichnung für Nordamerika. Dr. StandTal Clarke erwarb ihren Abschluss in Allgemeinmedizin an der University of Minnesota Medical School und ließ sich außerdem in ihrer ethnischen Gruppe, der Cherokee, in Arizona zur Heilerin ausbilden.
In ihrem Vortrag mit dem Titel „Land Medicine“ (Medizin des Landes) erläuterte sie, dass sie in ihrer ärztlichen Praxis ihr Wissen und ihre Ausbildung in westlicher Medizin mit den Methoden der alten Heilkunst verbindet.
Sie erzählte von einem Mann mittleren Alters, der eines Tages in ihre Praxis kam und über Burnout und Depressionen klagte. Der Mann berichtete, er habe bereits mehrere Ärzte aufgesucht und verschiedenste Medikamente ausprobiert, doch nichts habe geholfen. Sie stellte ihm zahlreiche Fragen zu seinem Berufs- und Privatleben und stellte ihm schließlich ein Rezept aus.
Darauf stand: 10 Minuten barfuß im Gras gehen und 10 Minuten auf der Erde liegen, während man sich auf die eigene Atmung konzentriere. Dr. StandTal Clarke riet ihm, dies in den kommenden zwei Wochen täglich zu tun und anschließend wieder in die Praxis zu kommen. Der Mann war zwar skeptisch, aber bereit, alles zu versuchen.
Nach zwei Wochen kehrte er in die Praxis zurück und sagte: „Ich bin absolut begeistert – es hat funktioniert. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut gefühlt.“ Dr. StandTal Clarke erklärte, dies sei nur ein Beispiel dafür, wie wichtig die körperliche Verbindung zwischen Mensch und Erde.
Den Sonnenaufgang beobachten, barfuß laufen und Gras oder Sand zwischen den Zehen spüren, frische Luft einatmen, in den See springen, Ebbe und Flut beobachten, die Sonne und den Regen auf der Haut spüren – all dies sind Möglichkeiten, wie wir uns körperlich mit der Erde in Verbindung setzen und Erdung finden können.
Geerdet zu sein bedeutet, geistig und emotional stabil, besonnen, gefestigt und ausgeglichen zu sein. Das Wort „geerdet“ impliziert schon eine Verbindung zur Erde. Das Gegenteil von Erdung ist das Gefühl der Entwurzelung; ein Gefühl von Angst und Unsicherheit. Genau das geschieht, wenn wir Menschen die Verbindung zu Mutter Erde verlieren.
Dafür gibt es auch eine biblische Grundlage. In der ersten Lesung hören wir in Vers 7: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“
Im biblischen Hebräisch heißt es, dass Gott Adam (was „Mensch“ bedeutet) aus dem Staub der Adamah (was „Erde“ bedeutet) formt. Anders ausgedrückt: Der von Gott geformte Mensch ist ein „Erdling“ – buchstäblich ein Geschöpf, das aus dem Staub der Erde geschaffen wurde.
Die Formel für die Erschaffung des Menschen besteht darin, dass Gott Erde nimmt und ihr Leben einhaucht. Der Vers besagt, dass Gott die Nischmat Chayyim (den Lebensatem) in den Staub haucht und der Mensch als unmittelbare Folge zu einer Nephesch Chayyah (einer lebendigen Seele) wird.
Das Leben beginnt mit dem ersten Atemzug und endet mit dem letzten. Und was sagt Gott dazu? In 1. Mose 3,19 sagt Gott zu Adam: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ Geschwister in Christus, wir sind Staub. Wir sind Erde, die Gott nahm und der er Leben einhauchte. Wir sind untrennbarer Teil der Erde und von Gottes Schöpfung.
Unsere erste Lesung besagt weiter: „Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ (Vers 15). Die ursprüngliche Bestimmung Adams – des Menschen – ist es, die Adamah, die Erde, zu kultivieren und zu pflegen. Wie uns unsere indigenen Geschwister, etwa Dr. StandTal Clarke, mahnen: Wenn wir keine Verbindung zu der Erde aufbauen, aus der wir geformt wurden, und sie nicht pflegen, verlieren wir uns selbst und werden geistig sowie emotional entwurzelt.
Das Evangelium des heutigen Morgens passt hervorragend zu diesem Thema. Jesus sagt zu einer großen Menschenmenge: „Ihr sollt nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Verse 32–33). Gott weiß, dass wir uns Sorgen machen; Gott weiß, was wir brauchen; und Gott verspricht, für uns Sorge zu tragen.
Dies ist eine Botschaft, die wir nach einer Woche, die vielen von uns große Sorgen bereitet hat, hören müssen. Was wird mit der Wirtschaft geschehen? Was wird aus unserer Stadt und unseren Kirchen? Was geschieht mit unseren Nachbar*innen mit Migrationshintergrund? Was machen wir? Gott kennt unsere Sorgen, und Gott verspricht, für uns zu sorgen.
Wie Luna Möbius gestern in ihrer Rede beim CSD in Halle sagte: „Ich weiß, dass wir Hoffnung für die Zukunft haben – denn seht euch um: Wir haben einander.“ Liebe Kirchengemeinde, seht euch um. Wir haben einander.
Unsere Aufgabe, unsere Berufung ist es, uns um Gottes Schöpfung einzustehen: uns um die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Felde zu kümmern; für unsere Nächsten und die Bedürftigen zu sorgen; das Land zu hüten – jenen Boden, aus dem wir geformt wurden – und uns auf das Reich Gottes und Gottes Gerechtigkeit zu konzentrieren. Wenn wir uns mit der Erde und Gottes vollkommener Schöpfung verbinden und für sie sorgen, sind wir in Gottes Berufung selbst verankert.
Leider ist uns dies bisher nicht gut gelungen. Wir haben uns von einer kolonialen Sichtweise auf die Schöpfung vereinnahmen lassen und betrachten die Erde als etwas, das beherrscht und ausgebeutet werden muss. Wir haben das Land aus Gier bewirtschaftet. Wir spüren dieses Ungleichgewicht am eigenen Leib.
Doch, liebe Gemeinde, es gibt einen anderen Weg. Wir haben indigene Geschwister in Christus, die die Kirche und die Welt dazu aufrufen, sich einer ökozentrischen Sichtweise der Erde zuzuwenden – einer Sichtweise, die sich seit Jahrtausenden bewährt hat und darin wurzelt, füreinander und für die gesamte Schöpfung Gottes Sorge zu tragen. Genau dazu ruft uns Gott auf. Amen.
